Die Reichsbank vom Kriegsende bis zur Stabilisierung der Mark (1918—1923)
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und dementsprechend ordnungsmäßig gedeckte Notgeld trat mehr und mebr inden Hintergrund. Dagegen erreichte das ungedeckt ausgegebene Papiermark-notgeld außerordentlich hohe Ziffern. Außerdem lief auf Papiermark lautendesNotgeld der Reichsbahn in Höhe von etwa 114 Trillionen Mark um. An wert-beständigem, vom Reichsfinanzminister genehmigten Notgeld wurden etwa200 Millionen Goldmark ausgegeben. Auch die Reichsbahn gab wertbeständigeGeldzeichen aus, und zwar bis zum Betrage von rund 150 Millionen Goldmark.Einen besonderen Umfang nahm die Ausgabe von zu Zahlungszwecken be-stimmten Stücken der Reichsgoldanleihe an, sie erreichte die Umlaufshöhe von270 Millionen Goldmark. In ähnlicher Weise gaben einzelne Länder undpreußische Provinzen Anleihen in kleinen Stückelungen als Zahlungsmittel aus;ihr Umlauf wird auf annähernd 50 Millionen Goldmark geschätzt. Schließlichseien noch die Ausgaben von Goldzertifikaten erwähnt, die von der HamburgerBank von 1923 A.-G. und der Schleswig-Holsteinischen Goldgirobank A.-G. inKiel mit Genehmigung des Reichsfinanzministeriums vor sich gingen. BeideInstitute gaben gegen Annahme von Devisendepositen in Devisen voll gedeckteund in ihnen wieder einlösbare Verrechnungsscheine in den Verkehr. InHamburg stieg der Umlauf bis auf 25 Millionen Goldmark, in Kiel war erstets erheblich geringer. Wie ungeheuer schädlich der Notgeldumlauf gewirktund in welchem Maße er zur Entwertung der Mark beigetragen hat, läßt sichohne weiteres aus einem Vergleich der Notgeldumlaufsziffern mit dem Bank-notenumlauf in den letzten Tagen der Inflationszeit erkennen. Am15. November 1923, dem Tage, an dem die Rentenbank ihre Geschäftstätigkeitaufnahm und mit der Ausgabe von Rentenbankscheinen begann, stellte sich dergesamte Notgeldumlauf nach eingehenden und sorgfältigen Ermittelungen aufetwa 988 Millionen Goldmark, also auf fast eine Milliarde Goldmark (darunterein großer Teil ungenehmigten und ungedeckten Notgeldes), während der Um-lauf an Reichsbanknoten sich auf nur 155 Millionen Goldmark belief.
Die wilde, ungenehmigte Notgeldausgabe über jedes Bedürfnis desZahlungsverkehrs hinaus aus rein egoistischen Motiven gehört zu den dunkelstenBegleiterscheinungen der schweren Jnflationskrise. Das Reichsfinanzministeriumschritt in den ihm bekannt werdenden Fällen ein, teils durch Einleitung einesStrafverfahrens, teils im Verwaltungswege, soweit öffentlich-rechtliche Körper-schaften in Frage kamen. Wirksamer war das Durchgreifen der Reichsbank.Sobald das Reichsbank-Direktorium nach Stabilisierung der Mark die Möglich-keit erlangte, den Verkehr mit Zahlungsmitteln wieder voll zu versorgen, ließ es