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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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im Princip anfechtbar ist, und doch habe ich noch nicht den stärk-sten Theil unsrer Sache berührt. Ich halte dafür, dass, wo dieGesundheit des Volks betheiligt ist, und wo die Sittlichkeit desVolks betheiligt ist, der Staat gerechtfertigt ist, wenn 'er selbst dieVerträge von Erwachsenen regelt. Aber wir schlagen vor, nur dieVerträge von Kindern zu regeln. Nun gab es jemals eine civilisirteGesellschaft, in welcher die Verträge von Kindern nicht unter irgendeiner Regelung standen? Giebt es ein einziges Mitglied diesesHauses, das da sagen würde, ein vermögender Minderjähriger imAlter von dreizehn Jahren sollte vollkommene Freiheit haben, eineAbtretung seines Gutes zu vollziehen, oder eine Verschreibung auffünfzigtausend Pfund auszustellen? Wenn irgend Jemand so ver-kehrt wäre, zu sagen:was hat die Gesetzgebung mit der Sachezu thun? Warum könnt ihr den Handel nicht frei lassen? Warumbehauptet ihr, das Interesse des Knaben besser zu verstehen, als eres versteht? so würdet ihr antworten:wenn er aufwächst, somag er sein Vermögen vergeuden, wenn es ihm beliebt; gegen-wärtig aber ist der Staat sein Vormund, und er soll sich nichtruiniren, bis er alt genug ist, zu wissen, was er vornimmt. DieMinderjährigen, die wir zu beschützen wünschen, haben freilich keingrosses Besitzthum w'egzuwerfen, sind aber deshalb nicht wenigerunsre Mündel. Ihre einzige Erbschaft, der einzige Fond, von demsie ihren Unterhalt das Leben hindurch envarten müssen, ist dergesunde Geist im gesunden Körper. Und ist es nicht unsre Pflicht,sie abzuhalten, jenes kostbarste Gut zu vergeuden, bevor sie seinenW T erth kennen?

Aber man hat gesagt, wenn^diese Bill auch unmittelbar nurdie Arbeit der Kinder beschränkt, so wird sie doch, durch einemittelbare Wirkung, auch die Arbeit der Erwachsenen beschränken.Nun, Sir, obwohl ich nicht darauf vorbereitet bin, für eine Bill zustimmen, welche die Erwachsenen direct beschränkt, so will ich(doch) offen sagen, dass ich nicht glaube, die Beschränkung derArbeit der Erwachsenen w r ürde nothwendig alle jene furchtbarenFolgen nach sich ziehen, die wir haben Voraussagen hören. Ihr ruftmir in sehr triumphirenden Tönen zu, als u r enn ich irgend ein ungeheuer-liches Paradoxon ausgesprochen hätte. Bitte, fällt es Keinem von euchein, dass die Arbeit der Erwachsenen jetzt in diesem Lande be-schränkt ist? Ist es euch nicht bewusst, dass ihr in einer Gesell-schaft lebt, in welcher die Arbeit der Erwachsenen auf sechs Tagevon sieben beschränkt ist? Ihr seid es, nicht ich, die ein den An-sichten und den Gebräuchen aller Nationen und Zeitalter zuwider-laufendes Paradoxon behaupten. Hörtet ihr jemals von einem ein-zigen civilisirten Staate seit dem Anfang der Welt, in dem nichtein bestimmter Theil der Zeit durch öffentliche Autorität für dieRuhe und Erholung der Erwachsenen ausgeschieden worden w'äre?In der Regel ist diese Anordnung durch die Religion geheiligt wor-