Kapitels Venedig: Seine Bedeutung. Johann und Wendelin von Sveyer. 189
schen Handels mit Europa , als Sitz des feinsten Geschmacks nnd geist-reich realistischer Kunst, förderte es zugleich das Kunstgewerbe zu seltenerVollkommenheit und bot auch der wissenschaftlichen Thätigkeit einen freienund günstigen Spielraum. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhundertshatte hier die Gelehrsamkeit eine bleibende Stätte gefunden. Der Kar-dinal Bcssarion (gestorben 1472) schenkte dem Senat seine einzig da-stehende Sammlung seltener und wertvoller griechischer Handschriften undlegte damit den Grund zur großen Markus-Bibliothek. Die griechischenFlüchtlinge, welche sich nach dem Falle des griechischen Kaiserreichs Hauptsächlich nach der Dogenstadt, als dem ihnen am leichtesten zugänglichenHafeu, gewandt hatten, schufen hier dem Studium des Griechischen einenglänzenden Mittelpunkt, an welches die übrigen Gelehrten das des klassi-schen Altertums anschlössen. Es galt ihnen nicht allein, die alten Quellenzu studieren, sondern auch neue zu erschließen und aller Welt zugänglich znmachen. Die Erfindung Gutenbergs kam diesem Bedürfnis so schnell zuHilfe, als wenn sie ausdrücklich zu einem so edeln Zweck bestellt wordenwäre. Wie die deutschen Kaufleute von Ulm, Augsburg , Negeusburg,Nürnberg und selbst aus dem Norden schon vom 13. Jahrhundert an,namentlich aber während des ganzen 15., einen lebhaften und gewinn-reichen Handel mit Venedig getrieben, wie sie ihre Söhne dahin alsauf die hohe Schule des Handels gesandt hatten, so lenkten jetzt anchdie deutschen Drucker ihre Schritte nach der reichen Handelsstadt amAdriatischen Meere, deren märchenhafte Pracht den damaligen Deutschenin mächtigen, aber unbestimmten Bildern vorschwebte. Schon 1469 drucktehier Johann von Speyer „ Liesronis Lxi^wlaö l>.ä tanailiarss" mitrömischen Typen und Plinius ' „Naturgeschichte", jene in einer Auflagevon 300, diese von nur 100 Exemplaren. Der Senat gab ihm einausschließliches Privilegium für die Ausübung der Buchdruckerkunst, weiler diese durch seinen Fleiß, seine Beharrlichkeit und sein Genie eingeführtund, wie es in der Motivierung weiter heißt, die genannten Werke ineiner großen Anzahl von Exemplaren mit Lettern von bewunderungs-würdiger Form gedruckt habe. Johann konnte von diesem Privilegiumaber keinen Gebrauch mehr machen, da er schon 1470, unmittelbar nachseiner Verleihung, starb. Sein Bruder, Wendeliu von Speyer , setzte dievon Johann angefangenen Werke fort, druckte aber selbständig 1470 bereitsden Sallust in 400 Exemplaren, den er schon im folgenden Jahre neu