^Sechstes Kapitel.) Renaissance und Humanismus. Perioden des letztem. 361
Lebensgüter erstrebt, heidnisch lebt und höchstens christlich stirbt. Derdeutsche Humanist dagegen geht meistens a^ den mittlern und unternVolksklassen hervor, faßt, von tiesem Erkenntnisdrange ergriffen, ernsteErziehungszwecke eine feste religiöse und sittliche Bildung ins Auge undsucht durch gewissenhafte Arbeit das Leben des Einzelnen zu verinner-lichen und zu veredeln. Allmählich erweitert sich nun dieses Strebenzum Kampfe des freien Geistes gegen den Scholastizismus, zur wissen-schaftlichen Forschung gegenüber leerer Verstandesspielerei und zum selb-ständigen Denken gegenüber päpstlicher Autorität, um schließlich in derReformation aufzugehen. Äußerlich einander vielfach ähnlich, nament-lich aber in ihren Angriffen oft dasselbe Ziel verfolgend, sind Renais-sance und Humanismus jedoch innerlich weit voneinander verschieden.Italien spiegelt auch auf diesem Gebiete den romanischen, wie Deutsch-land den germanischen Geist wider. Im Gegensatz zur schönen all-seitigen Ausbildung des Menschen und der gefälligen Form des Ita-lieners dringt der unbeholfenere, aber ernstere Deutsche auf Hebung desinnern geistigen Lebens.
Für die vorliegende Arbeit kommt natürlich nur der deutsche Huma-nismus in Betracht und auch dieser höchstens nur insoweit, als seineWechselbeziehungen zum deutschen Buchhandel reichen. Ludwig Geiger ,dessen vortreffliche Schriften dem Leser auf diesem Gebiete die eingebendsteBelehrung bieten 2, unterscheidet drei verschiedene Phasen, die ziemlichgleichzeitig mit der Ausbreitung der Buchdruckerkunst beginnen und biszur Reformation reichen (etwa von 1460 bis 1520), und zwar die huma-nistisch-theologische, die bumanistisch-wissenschaftliche und die humanistisch-polemische Periode. Ziemlich gleichzeitig und vielfach unscheinbar inein-ander übergehend, verteilen sich diese drei Perioden mit ihren verschie-denen Schattierungen über ganz Deutschland . Die erste derselben fängtan mit den Fraterherren in Holland, am Niederrhein und in Westfalen und hat ihre Hauptträger in Alexander Hegius zu Deventer und Rudolfvon Langen zu Münster . Edle und ernste Geister, halten sie einen Ver-mittelungsversuch der neuen Bildungsansätze mit der damaligen Kirchenoch für aussichtsvoll und erstreben vorzugsweise die Erneuerung desinnern Lebens der letztern. Einen bedeutenden Schritt über sie hinausthun die Wiener während der Regierung des Kaisers Maximilian unterCeltis', die südwestdeutschen Humanisten unter Erasmus' und Reuchlins