Weimarer Konferenzen.
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Der Vorstand nahm Stellung dazu in einer Vorberatung am17. September. Die Beschlüsse anzunehmen, darum konnte es sich nichthandeln. Wie sollte man, während Reformen verschiedenster Art an-gestrebt wurden, alte Usancen hier und dort durch neue ersetzt werdensollten, mit einiger Aussicht aus Nutzen und Erfolg „jetzt bestehendescodificiren", ehe die Gegensätze sich auseinandergesetzt und auf einer ge-wissen mittleren Linie vereinigt hatten? Dazu aber mußte die Reformjedenfalls auf eine viel breitere Unterlage gestellt werden. Wie solltedie obligatorische Mitgliedschaft als Vorbedingung für Benutzung derBestellanstalt und Börsenzahlung durchführbar sein, welche Schwierig-keiten brachte sie, wenn durchgeführt, für die Mitglieder des Börsen-vereins selbst? Oder war für eine organische Entwickelung ein plötzlicherZuwachs der Mitgliederzahl um mehrere tausend Firmen unbedenklich?Und das Statut jedenfalls bot eine Handhabe für jene Bedingungen derMitgliedschaft ebensowenig wie für die des Kommissions-Gutachtens.Was konnten, von der Gefahr eines Denunziantenwesens gehässiger Artauch abgesehen, „Staatsanwalt" und Matrikel besagen ohne den Bestandeiner straffen Exekutivgewalt? So war das Ergebnis der Vorberatung,daß die Eiscnacher Beschlüsse als solche überhaupt nicht zum Gegenstandder Weimarer Verhandlungen gemacht wurden: nicht, weil man dieReformsachc leicht, sondern weil man sie schwer nahm. Die Verhand-lungen, wenn sie von wirklicher Bedeutung sein wollten, mußten vonganz anderer Weite und Tiefe sein.
Sechs Thesen bildeten die Grundlagen der Beratungen der WeimarerKonserenz. Die Thesen 3—5 betrafen die SpezialPunkte, mit denen sichdie Jahre vorher vor allem beschäftigt hatten: die Frage, ob für denBezug seitens kleinerer Sortimentshandlungcn direkter Verkehr mit denVerlegern oder Bezug aus einer Hand (von Engros-Sortimentern) zweck-mäßiger sei (III), und die Frage der Abkürzung des Kundenkredits seitensdes Sortimcntcrs, des Sortimcnterkredits seitens des Verlegers (IV);die Frage der Fixierung der Mcßabrcchnung unabhängig von Ostern (V).Die übrigen drei waren grundsätzlicher Natur, und mit ihrer Behand-lung kommen die Weimarer Konferenzen für die Geschichte der Reform-bewegung in erster Linie in Betracht. Die beiden ersten betrafen dieFragen der Gewerbefrcihcit (I) und der Aufrcchterhaltung des Laden-preises (II); die sechste These endlich lautete: „Inwieweit kann der Börsen-
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