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Schulze-Gaevernitz,
Es soll damit ein naturwissenschaftlich-psychologistischer Gesell-schaftsbegriff keineswegs abgelehnt werden; es kann etwa nach Spencer„dauernde psychische Wechselwirkung", nach Tarde „Wechselwirkungdurch Nachahmung", nach Giddings „Gattungsempfindung" (con-sciousness of kind) zum Merkmal des Gesellschaftsbegriffs gemachtwerden. Man kann die Frage aufrollen, ob überhaupt eine scharfeGrenze zwischen Einzelorganismus („Zellenstaat") und Gesellschaftmöglich ist. Von hier ausgehend, kommt man vielleicht zu einer natur-wissenschaftlichen Soziologie, welche die einfachsten Formen der Ver-gesellschaftung behandelt, z. B. Unterordnung, Wettbewerb, Nach-ahmung, Opposition usw., sodann das Gemeinsame der Tier- undMenschengesellschaft aufsucht und als Naturwissenschaft Allgemein-begriffen und Gesetzen zustrebt.
Anders die Wirtschafts Wissenschaft, welche gesellschaftliche Zu-sammenhänge von „M enschen" aus der Masse des Naturgeschehensheraushebt, wobei das Wort Mensch einen Wertakzent trägt. DieWirtschaftswissenschaft als Sozialwissenschaft beruht auf der An-erkennung des sozialen Wertes: Stets hat man — oft recht unklar -—-das gesellschaftliche Ganze in die Begriffsbestimmungder Wirtschaftswissenschaft hineingezogen, dessen „Glieder" die ein-zelnen Wirtschaften seien. In der Tat: Wer Nationalökonomie treibt,tut es, weil ihm die wirtschaftliche Sicherung des gesellschaftlichenGanzen — der Menschheit, der Nation — bedeutsam erscheint. DieVerpflichtung zur Nationalökonomie beruht letzthin darauf, daß derKulturmensch sich für die soziale Gemeinschaft als den Kulturträgerinteressieren soll. Wer den sozialen Wert leugnet, wird sinnvoller-weise nicht der Nationalökonomie als Wissenschaft dienen,sondern für seine Privatwirtschaft sorgen. Um den eigenen BeuteLzu füllen, braucht es vielleicht eine Kunstlehre, eine Nationalökonomieals „Lehre von der Kunst, reich zu werden", wie sie die Kameralisten(nicht ohne einen staatlich-kulturellen Einschlag) verstanden — keineWissenschaft, deren Betrieb stets auf überpersönliche Beweg-gründe zurückgeht. Rein individualwirtschaftliche Tatsachen als solchescheiden aus dem Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Betrach-tung aus.
Wirtschaftswissenschaft im weitesten Sinnealso ist die Wissenschaft von der Unterwerfungder äußeren Natur unter die Zwecke der Gesell-schaft.
Hat innerhalb dieser Wissenschaft der Gedanke des „F ort-schritts" einen Sinn ? Zweifellos ja, da dem Begriff unserer Wissen-schaft ein Zweckgedanke zugrunde liegt. Wirtschaftlicher Fortschritt