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'Wirtschaftswissenschaft?' / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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,, W irtschaftswissenschaft ?"

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bedeutet bessere, d. h. dem Kulturzweck entsprechendere Sachgüter-versorgung der Gesellschaft. Der Gedanke des Fortschritts einchristliches Erbstück der westeuropäischen Welt: Reich-Gottes-Idee,wurde von der modernen Naturwissenschaft (von ihrem Standpunktaus mit Recht) zertrümmert: Brunos unzählige, sich wiederholendeWelten! Von Kant neu begründet, wurde er von Fichte und Hegelzur geschichtsphilosophischen Weltanschauung des deutschen Idealis-mus gesteigert. Von den neueren Kantianern des metaphysischenRankenwerkes entkleidet, durchzieht er alle Kulturwissenschaft. Istdas a priori der Naturwissenschaft die überempirische Naturgesetzlich-keit, die auch dort gilt, wo wir sie nicht beobachtet haben, so ist dasa priori aller Kulturwissenschaft ein überempirischer Wert, in demalle empirischen Kulturwerte verankert sind:Das Ziel, nach demdie Leute ausspähen von ferne" (Hiob). Wo aber ein Ziel, da be-steht die Möglichkeit des Fortschritts- und des Rückschritts, desFortschritts zum Teufel" nach Carlyle.

Wirtschaft und Technik? Der Mensch kämpft den Kampf mit derNatur nicht nur für gesellschaftliche Zwecke, sondern weithin auchim Zusammenwirken mit seinesgleichen, also mit gesellschaftlichenMitteln. Der Mensch tritt als Gruppe über die Schwelle der Geschichte.Hiernach scheidet sich Technik und Wirtschaft im engeren Sinne:Volks Wirtschaft. Unter T echnik verstehen wir die Wege, die derMensch im unmittelbaren Kampfe mit der Natur beschreitetzuerst in roher Empirie, später unter Beratung der Naturwissenschaftim rationellen Verfahren. Unter Volkswirtschaft dagegenverstehen wir denselben Kampf, soweit er mit gesellschaftlichen Mittelngeführt wird, also Beziehungen von Mensch zu Mensch herstellt. MitRecht sagt K. Menger: Wirtschaft istdie auf Deckung des Güter-bedarfs gerichtete vorsorgliche Tätigkeit", Volks Wirtschaftdiegesellschaftliche Form derselben". Bei der häufigen Ver-mengung von Technik und Volkswirtschaft ist diese Unterscheidungvon erheblicher Bedeutung. Seit wie lange ist die physiokratischeIllusion verschwunden, daß die Grundrente aus der Erde wächst,nicht aus der Gesellschaft? Marx hat demgegenüber erklärt: DieW aren form des Arbeitsproduktes hat mit der technischen Her-stellung nichts zu tun, sondern entspringt dem gesellschaft-lichen Verhältnis der Menschen. Technik z. B. ist die Dreifelder-wirtschaft ein Verhältnis von Mensch zu Natur; ein volkswirtschaft-liches Verhältnis dagegen ist der Flurzwang und die Gemengelage,wobei Mensch zu Mensch in Beziehung tritt. Sache der Technik istdie Speicherung, Sache der Wirtschaft die Verpfändung der lagerndenGüter. Mit Recht sagt Stammler: Nicht die Dampfmaschine bewirkte