Ii
ein — wenn auch noch so primitives — Kulturgebäude trägt. DerAckerbau des Wilden wird damit zur Agrikultur (Rickert). Vor-her gibt es nur Natur, keine Geschichte — Ethnographie als Natur-wissenschaft, keine Wirtschaftswissenschaft als Kulturwissenschaft.
Letztes Ziel der Wirtschaftsgeschichte ist es, die Wirtschafts-entwicklung der gesamten Menschheit als Ganzes zuumfassen und darzustellen. Hierfür gilt es zuerst die Teile diesesGanzen der Sonderforschung zu unterwerfen. Jede dieser Teilentwick-lungen ist verschieden; jedes Volk hat eine verschiedenartige Bedeutungfür die allgemeine Wirtschaftsgeschichte und ist in dieser seiner Eigen-art zu erfassen. Ehe man z. B. die Entstehung des europäischen Kapi-talismus im großen schildert, gehe man den kapitalistischen Anfängenin Italien und Deutschland, Frankreich und England nach, von denenkeineswegs ohne weiteres feststeht, daß sie gleichartig gewesen sein müssen.
Aber auch derjenige, welcher — sei es monographisch, sei es zu-sammenfassend — die Wirtschaftsverhältnisse der Gegenwartschildert, arbeitet mit den Mitteln der Geschichtsforschung. Auchsogenannte „Theoretiker" wandeln historische Wege dort, wo sievorkapitalistische Gefilde durchschreiten oder im kapitalistischen Felde sich der konkreten Einzelerscheinung nähern. Ziel derartigerTeildarstellung aber sollte es immer sein, einen Baustein zu liefern zurErkenntnis der Volkswirtschaften, der allumspannenden Weltwirtschaftder Gegenwart als einmaligen Hervorbringungen der Wirtschafts-geschichte. Jede Monographie hat sinnvoller Weise über sich selbsthinaus auf ein größeres Ganzes hinzustreben. Die Monographie kannletzthin bis zur Einzelwirtschaft hinabsteigen, soweit diese,als einmaliges Konkretum, wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung ge-habt hat, z. B. die Wirtschaft der Fugger, der Rothschild , der Krupp u. a.
In allen diesen Fällen — ob kapitalistisches Zeitalter, ob italienischerFrühkapitalismus, ob das Haus Medici — immer handelt es sich umeinmalige, in ihrer Eigenart für den Wirtschaftsverlauf wesentlicheErscheinungen: das „absolut Historisch e".
Durch die historische Methode hat die deutsche National-ökonomie — nicht anders als die deutsche Sprach-, Rechts- undReligionswissenschaft — die Welt erobert: Eine wissenschaftliche Tatersten Ranges, die einem jüngeren, mehr „theoretisch" gerichtetenGeschlecht unverloren sein soll! An ihrem Stamme erblühten BrentanosArbeitergilden der Gegenwart, Knapps Bauernbefreiung, die Jugend-arbeiten Schmollers. Ihre Meister schufen anschauliche Bilder, ge-schaut mit dem Auge wissenschaftlicher Phantasie und umrissen mitdem Stifte des Künstlers. Ihre Musterleistungen waren weder Akten-exzerpte, noch Materialhäufungen — „nicht dem Stoffe mühsam ab-