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Schulze-Gaevernitz.
gerungen". Ernsteste archivalische Bemühung war eingeschmolzen inden Guß einheitlicher Darstellung.
Aber es gilt auch von diesem Erbstück, es immer wieder neu zu er-werben, um es zu besitzen. Wie weit wir noch vom Ziele der Erkenntnisentfernt sind, zeigen Sombarts tastende Versuche einer Gesamtdar-stellung des modernen Kapitalismus, welche gewagt werden mußten,um zu gründlicherer Untermauerung im einzelnen anzuregen. Aberwir kennen ihn auch, jenen „Stoffhuber", welcher im einzelnen steckenbleibt. Wahllos druckt er alles Material ab, was im Archiv über seinThema et quaedam alia auffindbar ist; insbesondere druckt er „obrig-keitliche" Verordnungen ehrfurchtsvoll ab, ohne zu fragen, ob undwie sie gewirkt haben. Brentano macht einmal mit Recht daraufaufmerksam, daß gerade die häufige Wiederholung von Verordnungengleichen Inhalts darauf hinweise, wie wenig sie befolgt worden sind.„Geistloses Antiquariertum", mag es sich „reine Lektüre der Quellen"oder „deskriptive Volkswirtschaftslehre" nennen, hat die deutscheWissenschaft in Verruf gebracht, und „Befreiung vom Aktenstaube"wurde zur Losung des Tages. Aber hüten wir uns, das Kind mit demBade auszuschütten! Eine einzige Tatsache, richtig festgestellt, kannwertvoll werden für den „Sinnhuber", der sie später einmal entdeckt —•etwa in den Schriften des Vereins für Sozialpolitik, diesem gewaltigenSteinbruch volkswirtschaftlichen Rohstoffes. Ehrfurcht vor der Tat-sache !
Die wirtschaftsgeschichtliche Methode ist die Methode der Geschichts-wissenschaft überhaupt, aber sie weist daneben auch Eigentümlich-keiten auf, die sie etwa von der politischen oder Kunstgeschichte tief-greifend unterscheiden.
Das Gemeinsame der wirtschaftsgeschichtlichen mit allerhistorischen Methode fällt aus dem Rahmen vorliegender Untersuchungheraus, wobei auf die grundlegenden Arbeiten Rickerts verwiesen sei.Alle Historie verwendet, um das Einmalige anschaulich zu machen,Allgemeinbegriffe, die sie dem vorwissenschaftlichen Denken entnimmt.Auch die Wirtschaftsgeschichte benutzt zahlreiche „Grundworte",deren gemeinsprachliche Bedeutung festzulegen nicht unnütz ist.Alle Historie gipfelt in der Auf Weisung historischerKausalzusammenhänge.
Es ist ein Irrtum, wenn die „Anhänger der Willensfreiheit" kausaleFeststellungen in der Sozialwissenschaft für unmöglich erklären, weilfreie menschliche Handlungen ihr Gegenstand seien. Der Gegensatzvon Kausalität und Freiheit gehört nicht in die Wissenschaft, sondernin die Lebenspraxis •—• auch die des Wissenschaftlers. Die kausaleGebundenheit alles Seins ist nach Kant keine „Entschuldigung" für