,,W irtschafiswissenschaft ?"
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eine Gemeinheit, auch nicht für eine wissenschaftliche Liederlichkeit.Die Freiheit des Willens ist ein Postulat, ohne dessen praktische Be-jahung keine Kulturarbeit, auch keine wissenschaftliche Arbeit mög-lich ist. Denn die Willensfreiheit ist die Voraussetzung für die pflicht-mäßige Anwendung der Denkgesetze, insbesondere der rein kausalenDenkform in der Wissenschaft. Die Abweisung des Wunders — desdeus ex machina — als einer Durchbrechung der Kausalität ist einewissenschaftliche Pflicht, die zu verletzen wir frei sind.
Hinsichtlich der „historischen Kausalität" arbeitet dieWirtschaftsgeschichte nicht anders als sonstige historische Disziplinen.Sie verwendet allgemeine Kausalbegriffe — teils populäre Vorstellungenüber wiederkehrende Ursachen Verknüpfung, teils naturwissenschaft-liche Gesetze, z. B. Gesetz des abnehmenden Bodenertrags. Auch diesogenannten Gesetze der theoretischen Nationalökonomie könnenVerwendung finden, z. B. die Quantitätstheorie zur Erklärung derneuzeitlichen Preissteigerung. Es ist ein Irrtum zu vermeinen, daßnur psychologische Ursachen im Wirtschaftsleben eine Rolle spielen;nicht minder tun das auch geographische, meteorologische, physio-logische Ursachen. Man folgert z. B. die bestimmte Art der Wirtschafts-entwicklung eines Volkes aus der Natur des von ihm bewohnten Landes.Zwar dehnen sich die Kausalketten endlos nach allen Seiten aus, aberdie Geschichtsforschung begrenzt und gliedert sie nach dem Gegen-stand ihres Interesses. Trotz Schopenhauer ist ihr die Kausalitätein Fiaker, den sie verläßt, sobald die Fahrt nicht mehr interessiert:sie begnügt sich damit, den Vorgang, der nach ihrem Auswahl-prinzip ihr wesentlich ist, in seiner kausalen Notwendigkeit nach-erleben zu lassen. Sie wendet sich damit an die Phantasie des Lesersund streift an die Tätigkeit des dramatischen Dichters.
Insbesondere muß die Wirtschaftsgeschichte zur kausalen Erklärungwirtschaftlicher Tatsachen die Vorgänge der politischen undgeistesgeschichtlichen Vor- und Umwelt in reich-stem Maße heranziehen. Der geschichtliche Mensch ist „der volle undganze Mensch", nie bloßer Wirtschaftsmensch, und A. Comte hatnoch heute Recht: ;,Es gibt keine Wissenschaft vom Magen". Bei-spiele : Zwecks politischen Aufschwungs des Papsttums dekre-tierte der Papst Honorius zunächst an die ungarischen Bischöfe 1217:„Ut vicesimam redigant in pecuniam". Dieser Befehl — politischeUrsache — war in seinen Folgen wirtschaftsgeschichtlich höchst bedeut-sam, weil er die Monetarisierung größerer Vermögensbeträge einleiteteund die „usurarii curiae Romanae" — Siena und Florenz — empor-hob. — Unter den Ursachen der wirtschaftlich wichtigsten Tatsachedes XIX. Jahrhunderts, der britischen Wirtschaftssuprematie, unter