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Schulze-Gaevernitz.
den Ursachen unseres neudeutschen Wirtschaftsaufschwungs stehenpolitische Tatsachen voran: Trafalgar, Sedan ! Die Entstehungdes Kapitalismus in Westeuropa weist auf die Geistesgeschichte: aufdie Zertrümmerung des Traditionalismus gegen Ausgang des Mittel-alters, welche Dante vorahnend in die Worte faßte: „Sei du fortandein Bischof und dein Fürst," nicht minder aber auf die geistige Neu-bindung durch den britischen Puritanismus und den deutschen Idea-lismus. Befreiung und Selbstgesetzgebung brachten jene „starken"Menschen hervor, die das Rückgrat der germanischen Wirtschaftsweltbilden und ihren Kapitalismus — eine vorwiegende Erscheinung dieserWelt — tragen.
In letzter Linie hat die wirtschaftsgeschichtliche Kausalforschungnicht selten bis zu einzelnen Menschen vorzudringen: Aber-witz ist es, neudeutsche Wirtschaftsgeschichte zu schreiben, ohne denNamen Bismarck zu nennen. Oder — vom großen zum kleinen: BeiGelegenheit einer Monographie über ein Dorf badischer „Reform-bauern" stießen wir auf den Einfluß eines namenlosen, vor Jahrenverstorbenen Mannes, auf dessen geistigen Schultern das Dorf ruhte;als Lokalgeologe hatte er durch einen Aufsatz in einer wissenschaft-lichen Zeitschrift die Aufmerksamkeit des großen Darwin auf sichgelenkt, dessen Schreiben als Reliquie der Dörfler aufbewahrt wurde.Nicht anders ging es bei den Anfängen vieler Industrien, denen zumeistein Mann Pate' gestanden hat. Aber gerade hier stoßen wir auf dieGrenze der historischen Kausalität. Der einzelne Mensch wird dadurchgeschichtlich, daß er weite Kreise mit „einem Abglanz seines innerenLichtes übergießt" (Lagarde). Dieses „innere Licht" ist ein irrationalerRest, den keine Geschichtsforschung auflösen, sondern nur als solchenfeststellen kann. Deswegen ist jeder Versuch abzulehnen, die Wirt-schaftswissenschaft restlos zu rationalisieren, so z. B. der historischeMaterialismus.
Der Versuch des historischen Materialismus, dasÖkonomische als die „primäre" Ursache alles geschichtlichen Geschehensauszurufen, ist uns heute unrealistische Geschichtsmetaphysik, nichtanders, als wenn man den religiösen oder den politischen Faktor zumAlleinherrscher machen wollte! Mit Recht macht Stammler z. B.darauf aufmerksam, daß die technisch-ökonomischen Wandlungen ineine bestimmte Rechtsordnung einschlagen — die Wirkungen wärenganze andere gewesen bei Vorhandensein einer anderen Rechtsordnung,z. B. einer sozialistischen . Ich denke dabei an meine Studien überdie gutsherrliche Fabrik Rußlands : Die moderne Technik schlägt ineine Welt der Leibeigenschaft ein. Welch' andere Wirkungen als inEngland ! Der echte Historiker packt die Kausalien am Schopf, wo er