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sie findet. Ihm ist der historische Materialismus ein nützliches heu-ristisches Prinzip, um wirtschaftliche Kausalreihen auch dort zu suchen,wo sie versteckt sind und bisher nicht beachtet wurden, z. B. in derKunst- und Religionsgeschichte. Wirtschaftsgeschichtliche Untergründekönnen ähnliche Stimmungen hervorbringen, welche in ähnlichen Kunst-formen ihren Ausdruck suchen: Zum Barock des fürstlichen Merkan-tilismus neigt z. B. der nicht minder absolutistische Industrie- undBankkapitalismus unserer Tage.
Neben diesen Gemeinsamkeiten weist die Wirtschaftswissenschaftetwa gegenüber der politischen Historie bestimmte Eigentüm-lichkeiten auf, die — richtig verstanden — nicht übel mit derUnterscheidung zwischen „kollektiver und individueller Geschichts-forschung" bezeichnet werden. Es handelt sich hierbei jedoch nichtum einen eigentlichen Gegensatz, sondern nur um ein in den Gegen-ständen begründetes Mehr oder Minder. Das letzte Ziel aller Ge-schichtswissenschaft ist es, einmalige Vorgänge als die eigent-lichen Kulturträger — das „absolut Historische" — zu veranschau-lichen und zum „Nacherleben" zu bringen. Es gilt dies, wie wir sahen,auch von der Wirtschaftsgeschichte. Aber innerhalb dieses Ein-maligen — z. B. „moderner Kapitalismus" — handelt es sich weitüberwiegend um das ähnliche Verhalten zahlreicher Einzelner: ähnlicheBedürfnisse, die in ähnlichen Formen ihre Befriedigung finden, wo-mit ihre Bedeutung für das gesellschaftliche Dasein erschöpft ist.Die Wirtschaftsgeschichte braucht seltener als die Staats- oder dieReligionsgeschichte zum einzelnen Menschen als dem einzigartigenTräger von Kulturwerten hinabzusteigen. Ihr ist das „Namenlose"weithin das Wesentliche; das Persönliche wird zum „Fall" des Massen-vorganges. Der Mensch ist Unternehmer, Arbeiter, Leihkapitalist,Grundrentner u. a. Innerhalb des wirtschaftlichen Geschichtsverlaufsspielt das Gemeinsame oder Ähnliche vielfach die leitende Rolle —das „relativ Historische".
Die Wirtschaftsgeschichte arbeitet daher in ihren einzelnen Teilenmit Allgemeinbegriffen, vielfach nicht nur als Mittel, sondern auch alsnächstem Ziel der Darstellung. Diese Allgemeinbegriffe sind zunächstGattungsbegriffe, entnommen dem Sprachgebrauch des vor-wissenschaftlichen Denkens, aber der Wissenschaftler bearbeitet siefür seine Zwecke durch das typische Verfahren. Derjenige Fall,welcher unter gegebener Umwelt die Verwirklichung des wirtschaft-lichen Zweckes am besten gewährleistet, der „Idee" des betreffendenWirtschaftssystems am besten entspricht, wird herausgehoben, durch„einseitige Steigerung einiger Gesichtspunkte und durch Zusammen-schluß einer Fülle von diffus vorhandenen Einzelerscheinungen zu