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Schulze-Gaevernitz
einem in sich einheitlichen Gedankengebilde gesteigert", dem dieanderen Fälle „in mehr oder minder großer Reinheit" entsprechen(Max Weber ): „Idealtypus", weil in dieser Einseitigkeit vielleicht nie-mals verwirklicht. Die Wirtschaftswissenschaft steigt damit zu e i g e -nen Allgemeinbegriffen auf, bei denen das Gattungsmäßige um SO'mehr zurücktritt, das Typische um so mehr hervortritt, je mehr dieEigenart verwickelter geschichtlicher Kulturerscheinungen in das Be-wußtsein gebracht werden soll. So schilderte ich einen Cecil Rhodes nicht als den Durchschnitt der Imperialisten, der das aufwies, was-ihm mit den anderen gemeinsam war, sondern als den Typus desImperialisten, der die Züge verwirklichte, welche den Zweck des Impe-rialismus am besten gewährleisten: der „Imperialist, wie er sein soll".
Diese Typen werden zunächst als Zustände gefaßt, indem dieunveränderten Elemente gedanklich hervorgehoben werden. Abersodann werden sie vom Simultanen in das Sukzessive übersetzt unddamit gewinnt man — durch einseitige Betonung einzelner Ursachen-reihen, unter Vernachlässigung anderer mitwirkender Ursachen —-typische Vorgänge. Von mitwirkenden Nebenursachen, die in einzelnenFällen wirksam wurden, wird abgesehen. Die in allen Fällen mehroder minder wirksame gemeinsame Ursache wird gedanklich isoliertund als die allein wirksame betrachtet. Man erfaßt damit nicht dieWirklichkeit; denn selbstverständlich sind alle konkreten Vorgänge von-einander verschieden, aber der Wirtschaftswissenschaftler setzt für seineZwecke zahlreiche Vorgänge als gleich unter Vernachlässigung ihrerUnterschiede. „Der Wechsel wird der Wiederkehr untergeordnet"(Gottl). Aber dieses Verfahren bedeutet nicht Naturwissenschaft: seinletzter Zweck ist nicht, allgemeingültige Gesetze aufzufinden, wie dort, son-dern auf einem „Umwege" die einmalige geschichtliche Entwicklungverständlich zu machen. Beispiel: Die mittelalterliche „Stadtwirtschaft"(nach Bücher) ist ein typischer Begriff, etwa bezeichnet durch die Be-griffe: Nahrungsidee, Kundenproduktion, Autarkie von Stadt und zu-gehörigem Land usw. Ihr Ablauf wird sodann dadurch verständlichgemacht, daß man von Ursachen, die den einzelnen Fall oft einschnei-dend bestimmten — z. B. Krieg und Seuchen — absieht und die gemein-samen Ursachen der Veränderung als allein wirksam denkt: Erweiterungdes Monopolmarktes zum Konkurrenzmarkt, Fernabsatz, Fortschrittvon der Nahrungsidee zum „kapitalistischen Geist". Ich erinnereferner an Marxens Schema: Feudalität — Kapitalismus — Sozialismus;an Büchers Schema: Hauswirtschaft — Stadtwirtschaft — Volkswirt-schaft. Man kommt so zu einer Theorie der Geschichte.Ihre Schemata werden — irreführenderweise — auch historische„E nt wicklungsgesetze" genannt — nach einer falschen