„ W irtschaftswissenschaft ?"
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Analogie mit der Naturwissenschaft. Daß es sich, auch im Sinne derAutoren, nicht um allgemeingültige Naturgesetze handelt, ergibt dieErklärung Marxens, wonach Rußland „vielleicht" den Kapitalismusüberspringen könne, und Büchers Geständnis, daß seine Wirtschafts-stufen nur für Westeuropa gelten.
Für die westeuropäische Kulturwelt ist es vielleicht nach dem Standeunserer Kenntnis möglich, ein gemeinsames Schema von Wirtschafts-stufen aufzustellen, etwa: von der traditionalistischen Hauswirt-schaft mit unfreier Arbeit und Gesamteigentum am Boden — überdie geistig entbundene Tauschwirtschaft konkurrierender Einzel-unternehmer mit „anarchischer" Produktion auf dem Boden der freienArbeit und des Privateigentums am Produktionsmittel — über die ver-schiedenen Stufen der Tauschwirtschaft, je nachdem das Produktions-mittel dem Produzenten selbst oder grundsätzlich einem Dritten eignet:einfache Geldwirtschaft oder Kreditwirtschaft — bis hin zu der heuteaus dem Dämmer der Zukunft auftauchenden Gesamtwirt-schaft (Kollektivwirtschaft) mit zentralistischer Organisation undrationaler Anpassung der Gütererzeugung an den Güterverbrauch,unter Verbeamtung der Arbeit und Vergesellschaftung der Produktions-mittel. Man kann diesen Typen der Wirtschaftsorganisation: Haus-wirtschaft, Tauschwirtschaft, Gesamtwirtschaft vielleicht die psycho-logischen Typen des „Vorwirtschaftsmenschen", des „Wirtschafts-menschen", des „Überwirtschaftsmenschen" zur Seite setzen. Abersolche Entwicklungsgesetze sind nicht das Ende' der Wissenschaft,vielmehr lediglich ein „Erkenntniswerkzeug". Der Geschichte ent-nommen, nützlich für ihre weitere Befragung, sind sie immer von neueman der geschichtlichen Tatsächlichkeit nachzuprüfen und, wenn nötig,umzuprägen. Es genügt nicht, ein geistvolles Schema gegenüber dennüchternen Einwänden der Spezialforscher als „Theorie" zu verteidigen.Ferner: Je allgemeiner solche Schemata sind, um so weniger mehr er-fassen sie das wirtschaftsgeschichtlich Wesentliche. Dann interessierengerade die vom Hintergrunde solchen Schemas sich abhebenden Ver-schiedenheiten. Je kultureller das Ganze ist, um so wertvoller er-scheinen seine Eigenarten, so innerhalb der Entwicklung des modernenKapitalismus z. B. die Eigenarten des italienischen Frühkapitalismus, desbritischen Industriekapitalismus, des neudeutschen Kreditkapitalismus.
Ein Beispiel dieser Methode, welches für mich besonders über-zeugend gewirkt hat: Mein ausgezeichneter Schüler, Dr. Heiander,will die Zentralisation im Notenbankwesen verständlich machen. Inbewußt unrealistischem Verfahren geht er vom juristisch vorgearbeitetenBegriff der Notenbank aus; innerhalb dieses ins Wirtschaftliche ge-steigerten Begriffes bildet er den „Typus der vollen Notenfrei-