„ W irischaftswissenschaft ?"
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Es ist nun kein Zweifel, daß für ihre Zeit die Gesetze der Klassikerein wertvolles Mittel zur Erklärung der Wirklichkeit abgaben, da invielen Fällen die Voraussetzungen der Wirtschaftstheorie in der Tat-sachenwelt vorlagen. Es war gerade der Vorteil dieser Theorie, daßsie nicht „reine" Ökonomie — keine Konstruktion in den luftleerenRaum — war, sondern eine höchst bestimmte soziale Organisationzur Voraussetzung hatte. Nicht um die reinliche Lösung von Schach-aufgaben handelte es sich, was Diehl einem Schumpeter entgegenhält.Die Gesetze der Klassiker haben demgegenüber als Tendenzen daskonkrete Geschehen vielfach beherrscht, und Ricardo war ein Interpretjener Zeit, da die Manchesterlehre britisches Weltherrschaftsinteressewar und der Handlungsreisende „mit dem Preiskourant" die Welt fürEngland eroberte.
Heute haben sich die historischen Grundlagen vielfach verschoben
— geographisch wie geistesgeschichtlich verschoben —, und es erhebtsich die Frage, inwieweit die Gesetze des britischen Industriekapitalis-mus des 19. Jahrhunderts auch den deutschen und amerikanischenHochkapitalismus des 20. Jahrhunderts noch beherrschen. Nach demAnsturm der historischen Schule scheint zunächst wenig mehr als einTrümmerfeld von der britischen Theorie noch übrig zu sein. Trotzdemglaube ich, daß eine Anzahl tragfähiger Grundmauern aus dem Schuttherauszuarbeiten sind. Ich rechne hierzu etwa: das Preisgesetz derhöchsten und niedrigstem Produktionskosten bei beschränkt oder be-liebig vermehrbaren Waren, die Grundrentenlehre, die jeder tieferenBetrachtung der städtischen Bodenfrage zugrunde gelegt werden muß,das Greshamsche Gesetz, eine verbesserte Quantitätstheorie. Aberauch diese Restbestände sind nicht unbezweifelt, und an der ver-änderten Tatsächlichkeit nachzuprüfen. Wie das Ergebnis auch immersei, wirtschaftsgeschichtlich, als Interpreten ihrer Zeit, werden dieBriten steigen, je mehr ihr theoretischer Stern sinkt.
Dagegen ist auf die Fortbildung der Briten viel Gedankenarbeit ohneentsprechenden Erfolg aufgewandt worden. Wie wenig zur Erkennt-nis konkreter Preisbildungsvorgänge hat z. B. die Grenznutzentheoriebeigetragen — etwa zur Aufklärung des Problems der allgemeinenTeuerung des letzten Jahrzehnts! Während innerhalb der deutschenReichsgrenzen der Ausbau des deutschen Hochkapitalismus die wirt-schaftswissenschaftlichen wie wirtschaftspraktischen Interessen einesganzen Menschenalters in Anspruch nahm, vollzog sich in Österreich die Fortbildung der Theorie mit großem Fleiß, großem Scharfsinn
— aber studierstubenmäßig unter Ablösung von der Muttererde. DerBoden Wiens war weder von Puritanern noch von Aufklärern durch-pflügt worden!