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'Wirtschaftswissenschaft?' / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Schulze-Gaevernitz.

Es ist gegenüber den Mißerfolgen der Epigonen nur zu verständlich,wenn von Jüngeren heute erklärt wird: Das Wirtschaftsleben ist seitden Tagen der Klassiker verwickelter geworden; die historischenVoraussetzungen, welche die Briten machten, sind demnach weiterzu vervielfältigen. Die Kategorien der Wirtschaft, von denen jeneausgehen Kapitalist, Arbeiter, Grundrentner sind frühkapitalistischund britisch und genügen nicht mehr für den deutschen Hochkapita-lismus der Gegenwart. Die privat wirtschaftlichen Gesichtspunkte sindkonkreter zu fassen, nicht um ihrer selbst willen, sondern behufs bessererErkenntnis des sozialen Ganzen. Aber zur Erforschung dieses Ganzenbegibt man sich zunächst auf denUmweg", den Standpunkt des pri-vaten Wirtschaftssubjekts einzunehmen und dessen individualpsycho-logischen Erwägungen und Strebungen nachzugehen.

Es ist methodologisch einwandfrei, den Versuch der Klassiker mit ver-feinerten Mitteln dadurch zu wiederholen, daß man die historischen Vor-aussetzungen der Briten vervielfältigt und umprägt und die Seele desWirtschaftsmenschen in verschieden gefärbte Typen auseinander faltet.Indem man den Wirtschaftsmenschen konkreter faßt, kann man sichauf Marx berufen, dessen privatwirtschaftliche Erörterungen icherinnere u. a. an das berühmte Kapitel über den Fetischcharakter derWare nicht einen farblosen Kapitalisten schlechthin, sondern denbritischen Industrieunternehmer der dreißiger und vierziger Jahre,eigentlich denCottonlord", zum Gegenstaride haben. Der Privat-wirtschaftler fragt: Wie würde das Wirtschaftsleben verlaufen, wennein bestimmter Händlertypus (ein Wirtschaftsmensch konkreter Fär-bung) mit Waren bestimmten Charakters, bestimmten Verwendungs-zweckes usw. auf den Markt tritt? Wie würde das Wirtschaftslebenverlaufen, wenn ein bestimmter Produzententypus in der Rohstoff-oder Verarbeitungsindustrie, mit überwiegender Maschinen- oderHandarbeit, mit ungelernter oder qualifizierter Lohnarbeit tätig wird?Er scheidet den Einzelunternehmer vom Aktienunternehmer, denarbeitsintensiven vom kapitalintensiven Fabrikunternehmer usw., aberer zerlegt auch den Arbeiter, den Ricardo alsHand", Marx alsProle-tarier" unterschiedslos sich vorstellten, in zahlreiche Typen. In dieserRichtung liegen die sozialpsychologischen Untersuchungen des Vereinsfür Sozialpolitik. So vorgehend, ist man auch viel eher in der Lage,all' die Übergänge zu erfassen, welche vom konkurrierenden Unter-nehmertum größtmöglichen Gewinnstrebens zum organisierenden, auffestes Gehalt gestellten Beamten hinüberführen.

Unter fiktiver Loslösung von der sozialen Verkettung und Einfühlungin die individualpsychologische Verursachung gelangt die Privatwirt-schaftslehre zu typischen Vorgängen, die im Wirtschaftsleben wirksam