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'Wirtschaftswissenschaft?' / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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Wirtschaftswissenschaft ?"

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werden, oder die Tendenz haben, dort wirksam zu werden, wo geradedieser geistige Typus an der Arbeit ist. Man legt damit in bewußterIsolierung einzelne Kausalstränge des volkswirtschaftlichen Geschehensbloß, soweit letzteres von der Privatwirtschaft her beeinflußt wird, undbietet in diesem Sinne eineHilfswissenschaft" der allumfassendenWirtschaftswissenschaft, nicht anders als die klassische Wirtschafts-theorie. Ist jene Wirtschaftstheorie der Klassiker methodologischberechtigt, so ist es auch die neuere Privatwirtschaftswissenschaft,denn die Struktur beider Disziplinen ist die gleiche.

Wie weit die Privatwirtschaftslehre tatsächlich unseren volks-wirtschaftlichen Erkenntniszwecken dienen mag, wird von den Leistun-gen ihrer Anhänger abhängen, denen freie Bahn zu gönnen ist. Vielleichtsind die Aussichten keine ganz schlechten; denn die neuere Privat-wirtschaftslehre bildet engere und inhaltsreichere Begriffe und stehtinsofern dem tatsächlichen Wirtschaftsleben näher als die klassischeÖkonomie. Ihr Ziel ist es, zu einerrealistischen Theorie" zu gelangen.Ich selbst überzeugte mich von der Anwendbarkeit und Nützlichkeitprivatwirtschaftlicher Betrachtungsweise bei Gelegenheit meiner Studienüber deutsches Bankwesen der Gegenwart. Weitreichende psycholo-gische Umschichtungen weisen gerade auf diesem Gebieteüber den blassenhomo oeconomicus " der Vorzeit hinaus und sindnur auf dem Wege privatwirtschaftlicher Typenbildung zu fassen:Der alte Privatbanker der durch das Telephon an die Zentrale an-geschlossene Direktor der Filiale oderKonzernbank" der leitendeKopf der Großbank der Bankbeamte nach seinen verschiedenenSchichten der Reichsbankpräsident das alles sind Typen, denendurch individualpsychologische Einfühlung nachzugehen ist.

Es ist eine reine Zweckmäßigkeitsfrage nationalökonomischer Lehreund Schriftstellerei, ob diese privatwirtschaftlichen Untersuchungenin einer besonderen Hilfsdisziplin zu sammeln und zu lehren sind.Ich bejahe diese Frage. Bei der fortschreitenden Komplizierung unseresWirtschaftslebens ist es heute schwieriger als bisher, die im Innerender Unternehmung obwaltenden Beweggründe festzustellen zumalsie nicht selten mit dem Schleier des Geschäftsgeheimnisses verdecktsind. Um so erforderlicher wird eine besondere Schulung zum privat-wirtschaftlichen Denken, welchedurch die Brille der Beteiligten"zu schauen lehrt. Der so gebildete Nationalökonom versteht dortnachzuempfinden, wo die psychologischen Fäden versteckt unter derOberfläche laufen.

Sodann leiden wir in unserer volkswirtschaftlichen Lehre und Schrift-stellerei vielfach an einer unheilvollen Vermengung volkswirtschaft-licher und privatwirtschaftlicher Betrachtungen. Die Privatwirtschaft -