„W irtschaftswissenschaft?"
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ist. Der Kalkül ist überhaupt im Gebiete der Wirtschaftswissenschaftnur eine gleichgültige, zufällig gewählte Form, mit der sich die Reflexio-nen umhüllen, und der Beweis gewinnt durch diese Einkleidung nichtdie geringste Schärfe mehr, als die Gedankenreihe durch sich zuerzeugen fähig ist."
Letzthin, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Die Wirtschafts-wissenschaft — wertfrei, wie sie sein so 11 — ist keine Wirt-schafts politik. Die Wirtschaftsgeschichte, als Geschichts-forschung, versenkt sich „restlos" in fremde Werte. Das Strebennach größtmöglichem Gewinn, welches die Wirtschafts t h e o r i e alsweitverbreitete Tatsächlichkeit zum kausalen Erklärungsprinzip zahl-reicher wirtschaftlichen Erscheinungen macht, gewinnt damit keineverbindliche Kraft für den handelnden Menschen, weder für die Führungder Einzelwirtschaft, noch weniger für die Bearbeitung des volkswirt-schaftlichen Ganzen durch die Politik. Indem die Privatwirt-schaftslehre die Strebungen der Unternehmerpsyche bloßlegt,hat sie mit dem „Unternehmerinteresse" nicht das mindeste zu tun.Nicht als Nationalökonomen, sondern als Kulturmenschensollen wir uns für Politik interessieren, für welche uns die Wirtschafts-wissenschaft vielleicht nützliche Ratschläge erteilt und die Wegeweist, wenn wir wissen, wohin die Reise gehen soll. Diese Ziele ent-stammen ganz anderen Quellen — nicht, wie man gemeint hat, subjek-tiver Willkür, sondern jener Weltanschauung, durch welche der deutscheGeist die letzten und unwandelbaren Ziele alles Kulturstrebens inunserer Sprache und in den Erkenntnisformen unserer Zeitzum Ausdruck gebracht hat. Der neudeutschen Wirtschaftspolitikleuchten die Leitsterne unserer klassischen Phüosophie: Persönlich-keit und Menschheit.
Wenn ich vorstehende Ausführungen dem hochzuverehrenden Jubilarwidme, so geschieht es nicht nur um deswillen, weü sie der Rechtfertigungder historischen Methode unserer Wissenschaft dienen. Diese Methodehat in Brentano ihr Höchstes geleistet — von den Arbeitergildender Gegenwart an bis zu seinem Kolleg über Wirtschaftsgeschichte,dessen sprühenden Glanz keiner von denen vergessen wird, die ihm zufolgen das Glück hatten. Nicht minder um deswillen seien ihm dieseBlätter dargebracht, weil wir den Mut zur Politik an Brentano be-wundern. Auf dem Boden des neudeutschen Industriestaates mit beidenFüßen stehend, ihn gegen Angriffe von rechts und links verteidigend,hat Brentano — über das rein Wirtschaftliche hinaus — Menschenrechteund Menschenwürde zeitlebens in jedem, auch im einfachen Arbeits-mann, verfochten — ein jugendfrischer, unermüdlicher Kämpfer.