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Schulze-Gaevernitz.
wie es auch biologische Voruntersuchungen (Darwinismus und Wirt-schaftsleben?) gibt. Dagegen kann das psychologische Experimentfür die Wirtschafts praxis,z. B. die Reklamekunst, die Ermüdungs-bekämpfung bei gewerblicher Arbeit usw., wie jede naturwissenschaft-liche Technik, von größtem Nutzen sein. Während wir dem totenStoffe durch Anwendung der Physik und Chemie weite Gebiete ab-erobert haben, steckt unsere Technik gegenüber der Welt der lebendenWesen noch in den Kinderschuhen; es eröffnen sich hier für Biologieund Psychologie aussichtsvolle Weiten.
2. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine Soziologie. Wenn auchdie Soziologie selbst bisher zu einer scharfen Begriffsbestimmung ihresWesens noch nicht gelangt ist, so scheint doch so viel festzustehen, daßder Begriff des gesellschaftlichen Lebens hier ohne jeden Wertakzentgedacht wird im Sinne einer Mehrheit von Menschen, die in psycho-logischer Wechselwirkung stehen. So ist „Gesellschaft" nach Simmeleine psychische Zuständlichkeit, welche auf die anderen wirkt und vonihnen beeinflußt wird; sie umfaßt als solche alle Formen des Mit- undFüreinander, z. B. Kohäsion, Attraktion, Repulsion usw. — nichtminder Sitte, Recht, Sittlichkeit. Alle diese Zusammenhänge sindpsychologische Tatsachen. Wo das Individuum die selbständige Be-stimmung seines Verhaltens verliert und der Bestimmung durch fremdeSeelen unterliegt, dort entfaltet sich die Gesellschaft. Dort scheidetdie Soziologie aus dem breiten Felde der psychologischen Tatsachen-welt das ihr eigene Gebiet aus, ohne grundsätzlich andere Forschungs-methoden anzuwenden als die umfassendere Wissenschaft der Psycho-logie selbst: sie ist Sozialpsychologie. Die Soziologie geht also psycho-logistisch vor als die Naturwissenschaft vom sozialen Seelenleben, dieWirtschaftswissenschaft geht idealtypisch vor als die Kulturwissen-schaft der menschlichen Wirtschaft.
Selbstverständlich soll damit die Möglichkeit einer Psychologie undSoziologie als Kulturwissenschaft nicht geleugnet werden: eine Lehre vonder Entfaltung des Seelenlebens und des Gesellschaftslebens als der Kul-turträger im Sinne Hegels . Die Frage ist nur, wie weit eine solche kul-turwissenschaftliche Psychologie und Soziologie durch die bisherigenKulturwissenschaften alten Bestandes das Feld schon besetzt fände.
3. Die Wirtschaftswissenschaft ist keine Mathematik, ob-gleich mathematische Formulierungen gelegentlich von erheblichemNutzen sein mögen (Alfred Weber !). Aber über die Richtigkeit desmathematisch formulierten Inhalts kann die Mathematik nichts aus-sagen. Es gilt hier noch heute das Wort eines Fr. List (Zollvereins-blatt 1844): „Es kommt für die Resultate alles auf die Voraussetzungenan, deren Einkleidung in mathematische Zeichen ganz gleichgültig