Druckschrift 
'Wirtschaftswissenschaft?' / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

,, W irisch aftsw issenscha/l?"

29

Historiker, psychologische Tatsachen als Ursachen der ihn interessieren-den Vorgänge reichlich berücksichtigen muß. Hierzu hilft ihm vielleichtauch die psychologische Wissenschaft. Aber die Struktur dieser Wissen-schaft ist eine grundsätzlich andere. Schon Kant erklärt die Psycho-logie als der Naturlehre zweiten Teil. Die wissenschaftliche Psychologieist eine Naturwissenschaft und sucht als solche die psychologischenErscheinungen zu vereinfachen, die verwickelten auf einfachste Ele-mente wie Reiz, Empfindung, Vorstellung zurückzuführen. So sagt z. B.Münsterberg in seiner Psychologie, daß selbst Wille und Gefühl nichtaus einfachen Elementartatsachen bestehen, sondern ebenfalls Emp-findungsverbindungen sind, die sich nur durch eigentümliche Anordnungvon den Vorstellungen unterscheiden. Als Naturwissenschaft strebtdie Psychologie' über Allgemeinbegriffe hinaus zu allgemeingültigenGesetzen. Gegenüber der Naturwissenschaft von der Körperwelt weistsie zunächst den Nachteil auf, ihren Gegenstand,die Erfahrung desinneren Sinnes", zwar nachfühlen, auch zeitlich messen, aber nichträumlich quantifizieren zu können. Sie überwindet diese Schwächedurch die Hypothese vom psychophysischen Zusammen-hang: Zuordnung jedes psychischen Vorganges zu einem physischen.Etwa: Vorstellung ein biochemischer Vorgang in gewissen Zellendes Gehirns; Urteil ein biochemischer Vorgang in der Richtungdes geringsten Widerstandes zwischen zwei Nervenzentren; Willeein antagonistischer Vorgang im motorischen Apparat; Schlaf eineAusschaltung des Zusammenhangs zwischen sensorischem und moto-rischem Apparat; Sprache ein Instrument, um den Nervenapparateines anderen durch einen bestimmten Reiz auf eine bestimmte Reaktioneinzustellen usw. Ohne zu dieser Hypothese Stellung zu nehmen,liegt doch auf der Hand, daß ihre Richtigkeit und ihre Nutzanwendungim einzelnen Umsetzung psychologischer Vorgänge in biochemischemit der Wirtschaftswissenschaft auch nicht das geringste zu tun hat.Letztere Wissenschaft steigert die höchst komplexe, kulturerzeugtePsyche desWirtschaftsmenschen" zum Idealtypus, ohne irgendwieden Versuch zu machen, diesen Typus auf einfachere psychologischeElemente zurückzuführen. Dagegen kann die Psychologie mit demeinfachen Seelenleben des Kindes, des Naturvolkes, des Tieres vielfachmehr anfangen, als mit der verwickelten Psyche des Kulturmenschen LSollte das Grenznutzengesetz ein Spezialfall eines allgemeinen psycho-logischen Gesetzes sein, wie Ehrenfels, Meinong , Kreibig u. a. behaupten,so belegt es dadurch nur, daß es nicht zur Nationalökonomie gehört,sondern höchstens eine psychologische Voruntersuchung bedeutet,

1 Max Weber, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, ßd. 2/.