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Gerhart von Schulze Gaevernitz : eine Darstellung seines Wirkens und seiner Werke
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oberbadischen Kleinbauerndorfes, der aus kleinsten Verhältnissenstammt, wird zum gefeierten Anwalt der Armen und Bedrängten undbald zum großzügigen Führer des deutschen Sozialismus erwählt. Ganzim Sinne von Schulze Gaevernitz faßt er im Jahre 1913 sein Lebenszielzusammen:Wenn das Sehnen der Helden von 1813 in Erfüllunggegangen ist, wenn die Mitwirkung des Volkes im Verfassungslebenund im Staatsleben gesichert ist, wenn wirklich freiheitliche Ver-fassungen da sind, wenn Uebergriffe der Militärgewalt in das Gebietder bürgerlichen Freiheit ausgeschlossen sind, dann wird die Zeit

§ekommen sein, wo Millionen des Volkes, die jetzt grollend auf dereite stehen, sich freudig einreihen in das Staats- und Volksganze.Niemand wird sich mehr auf diesen Tag freuen als wir, niemandkämpft mehr und arbeitet mehr auf diesen Tag der aber nur er-reicht werden kann, wenn der Sieg der Freiheit sich durchge-setzt hat." In einem Briefe an Schuize Gaevernitz schreibt Frank;Wie alle Wege nach dem Rom der Idee führen, war. einer der selt-samsten Pfade zu diesem Wanderziel der historische Materialismus,der die deutschen Arbeiter revolutionierte."

Gerade wegen seiner sozialpolitischen Grundein-stellung bekämpfte Schulze Gaevernitz die Ele-mente englisch-französischer Aufklärung in Marxebenso seinen aus Frankreich übernommenen Gedanken des Klassen-kampfes wie seine aus England stammende utilitarische Einstellung,er wies auf Lassalle und die in ihm versteckten Grundlagen idea-listischer Herkunft hin. Ihm nahestehende Schüler haben dieseGedanken fortgeführt und auf das Erbgut des deutschen Idealismushingewiesen, so Carl Traut wein in seinem Buche überFerdinand Lassalle und sein Verhältnis zurFichteschen Sozialphilosophie (Jena 1913), fernerFranz Petry inDer soziale Gehalt der MarxschenWerttheorie" (Jena 1916) und Sven Heiander inMarxund Hegel" (Jena 1922).

Da er den deutschen Industriestaat bejaht, befürwortet SchulzeGaevernitz gegen Adolf Wagner und Oldenberg in Vor-lesungen wie im Seminar den landwirtschaftlichen Klein-betriebdes zum Reformbauern zu erhebenden Kleineigentümersnach besten badischen Vorbildern". Auf diesem Boden baute seinSchüler Moritz Hecht, jetzt Vorstand des Badischen StatistischenAmts, seine Untersuchungen auf (vergl. seine Schriften:Drei Dörferder badischen Hart", 1895, undDie badische Landwirtschaft zuBeginn des 20. Jahrhunderts", Karlsruhe 1902, und vergl. hierzuSchulze Gaevernitz' gleichbetitelten Aufsatz in derZeit" vom5. Februar 1903). Eine Reihe ausgezeichneter Schülerarbeiten be-handelte das gleiche Thema, so Otto Möricke in seinerAgrar-politik des Markgrafen Karl Friedrich von Baden" (Karlsruhe 1905).Mit diesen Fragen beschäftigte sich auch Schulze Gaevernitz' Auf-satzEin Wort zur Ansiedlungsnovelle" (Die Hilfe"vom 12. Januar 1908), in dem erfür die Expropriationzwecks Ansiedlung nicht nur gegenüber dem polnischen,sondern auch dem deutschen Großgrundbesitz in der Ostmark eintrat