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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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G. v. Schulz e-Gaevernitz, Die deutsche Kreditbank.

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nimmt dafür die Auswahl und Ueberwachung des Schuldners, dessen Zahlungs-fähigkeit und Zahlungswilligkeit sie dem Gläubiger gewährleistet. Dadurch daßbei der Bank die Schulden vieler Privatpersonen zusammenfließen, findet fürletztere ein Ausgleich der Gefahren statt, die mit jeder Kreditgewährung verknüpftsind. Aber indem die Bank sich zwischen Gläubiger und Schuldner schiebt,schmälert sie auch die Stellung des einst allmächtigen Gläubigers, der zumNur-Rentner" zusammenschrumpft. Die wirtschaftliche Machtstellung der alten Gläu-bigerklasse geht auf die Banken über.

Die volkswirtschaftliche Funktion des Bankwesensist die vielbesprochene Verwaltung des Volksvermögens 1 ). Je mehrdie Kreditwirtschaft heute durchdringt, um so größer wird jener Bruchteil des Gesamt-kapitals, welcher dem von der Bank erkorenen Unternehmer zuströmt. Bankenziehen nunmehr die Kanäle, durch welche nicht nur die alljährlichen Ersparnisse,sondern auch die (in steter Erneuerung befindlichen) Erbbestände des Kapitalsdahinfließen. Man gedenke zunächst der ungeheuren Steigerung derfremden Gelder".In Deutschland beliefen sie sich Ende 1891 bei unseren Aktienbanken auf 1280Millionen M., Ende 1906 auf 6305 Millionen, heute schätzungsweise auf gegen 10Milliarden, Ende 1913 bei den 9 Berliner Großbanken allein auf 5,1 Milliarden M.Aber daneben sind die Banken Durchgangsstellen der noch größeren Kapitalbe-wegungen im Effektengeschäft. Jene können auch beim besten Willen irren;sie können damit Milliarden in falsche Richtung drängen und unter Umständenverspielen. Heute sind einige wenige Großbanken in der Lage, die Richtung unsererwirtschaftlichen Entwicklung mehr oder minder zu bestimmen. Ihre Verantwort-lichkeit wird damit von einer privatwirtschaftlichen gegenüber den Aktionärenzu einer volkswirtschaftlichen gegenüber der staatlichen Gesamtheit. Tatsächlichdrängten sie die Kapitalien in die Richtung von Handel und Industrie, vor allemin die Riesenunternehmungen der schweren Industrie, daneben in den Grund undBoden einst in das Rittergut, heute in das großstädtische Miethaus. Daher derjähe Aufschwung der deutschen Eisenindustrie, welche nur hinter Amerika zu-rücksteht, und der deutschen Großstadt, die sogar amerikanische Vorbilder einholt.

Werturteil: Die Bankpolitik galt lange Zeit als getrennt von der Wirtschafts-politik, sowie diese von derhohen" Politik getrennt gehalten wurde. Aber un-bewußt strömte das politische Element ein, so z. B. wenn das Ideal billiger Diskont-sätze zurücktrat hinter dem Ideal einer festen Währung. Auch unsere Altvorderenfühlten es: Ein Zollverein ist kein Vaterland. Was sie empfanden, sprechen wiroffen aus: Letzter Wertmaßstab allen Wirtschaftslebens ist für uns die Machtund Sicherheit die wirtschaftliche wie politischeder deutschen Nation. Auch die Interessen der sozialen Gerechtigkeit wieder kulturellen Vertiefung hängen für uns Alteuropäer auf beschränkter, vonOst und West bedrohter Fläche von der Erfüllung jener Vorbedingung ab. Fürdieses letzte Ziel bejahen wir im wesentlichen trotz aller Vorbehalte im einzelnendie großkapitalistische und industriestaatliche Tätigkeit unserer Banken, ohnewelche wir längst von der angelsächsischen Welt überholt wären. Wo befänden wiruns, wenn wir kleinkapitalistisch und unorganisiert geblieben wären?

B. Liquidität.

a) Aus dem Wesen der Bank fließt unmittelbar der Begriff der Liquidität.Ist der Begriff des Bankwesens an den des Kredits gebunden, so ist zunächstjene absolute Kreditgrenze maßgeblich, welche in derverfügbaren Menge derschon heute vorhandenen realen Güter" besteht 2 ). Aber schon lange, ehe diese

x ) A. Lansburgh, Die Verwaltung des Volksvermögens durch die Banken. Berlin-Charlottenburg 1908 . S. 9.

2 ) Komorzynski, Die nationalökonomische Lehre vom Kredit. Innsbruck 1909.S. 398.