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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Begriffliches und Geschichtliches.

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sehr verschiedenartige; man vergleiche z. B. die Deutsche Bank mit dem Schaaff-hausenschen Bankverein, eine liquide mit einer illiquiden Großbank.

Ich möchte dieses mit Vorsicht günstige Urteil durch folgende Erwägungenstützen: Die Kritiker unseres Bankwesens, vor allem die Ausländer, berück-sichtigen meist nicht die sehr erheblichen eigenen Mittel unserer Banken,welche verhältnismäßig illiquid angelegt sein dürfen, da sie den unkündbaren For-derungen der Aktionäre entsprechen. Dezember 1908 betrugen die eigenenMittel etwa die Hälfte (!) aller Verpflichtungen unserer Kreditbanken. In Effektenund Konsortien als der illiquidesten Anlage war nicht über '/s deseigenen Vermögens angelegt 1 ).

Zu dem eigenen Vermögen tritt der Reservefond, der nach deutscherGewohnheit eigentlichReservekonto", d. h. dividendenfreies Eigenkapital ist.Indem das Gesetz die Auffüllung des Reservefonds erzwang, wuchsen den deutschenKreditbanken die Reserven von 12,9% (1885) bis zu 22,9% (1908) des Aktienka-pitals. an abgesehen von den sehr erheblichen stillen Reserven. Obige Reserven,als Garantiemittel des Aktienkapitals für die Aktionäre, dürfen illiquideren An-lagen zugeführt werden als diefremden Gelder" 2 ). Hierzu kommt die gegen-seitige Hilfeleistung, auf die unsere Banken im Notfalle rechnen können eineArt Liquiditätsversicherung. Allerdings ist Bankkredit einer Bank nur Hilfsmittelin außerordentlichen Fällen. Wer regelmäßigerweise selber des Kreditvermittlersbedarf, scheidet wie bereits Schulze-Delitzsch gut gesagt hat aus derReihe der Kreditvermittler aus und sinkt in die Rolle des Bankkunden zurück 3 ).Aber im Notfalle geht ein Instanzenzug von der Kleinstbank bis hinauf zur Größt-bank, von einer Großbank zur andern. Der Dresdner Bank wurden 1901 in dreiTagen 60 Millionen M. entzogen, die sie mit Hilfe anderer Banken ohne weiteresaufbrachte. Eine solche Solidarität der deutschen Bankwelt bedeutet ein er-hebliches Stück von Krisen- und Kriegsbereitschaft und vermindert aber ver-stärkt auch zugleich! die Gefahren unseres Kreditsystems:Alle für einen!"

Scharf zu scheiden von der Frage der Liquidität ist die Frage des Edelmetall-bestandes bei den Banken. Man vermeidet hierfür besser den AusdruckKasse",da zur Kasse öfters Bankguthaben, Schecks usw. mitgerechnet werden. Eine höchstliquide Bank, die ein großes Giroguthaben bei der Reichsbank aufweist, kannüberhaupt keine nennenswerten Edelmetallbestände besitzen; denn vom privat-wirtschaftlichen Standpunkte der Bank aus sind Edelmetallvorrat und Guthabenbei der Reichsbank gleichwertig. Umgekehrt kann eine höchst illiquide Bank ver-hältnismäßig hohe Edelmetallbestände, etwa durch Verpfändungen eigenen oderanvertrauten Vermögens, sich kurzfristig beschafft haben. Die Sorge für Edel-metallvorräte ist volkswirtschaftlicher (intervalutarischer) Natur und liegt derZentralnotenbank ob; sie hat mit der Liquiditätsfrage der privaten Banken nichtdas mindeste zu tun.

C. Arten der Banken.

Die deutsche Kreditbank von heute ist ein geschichtliches Konglomerat, nichtdurch einen einheitlichen Begriff zu umschreiben, sondern nur so zu erfassen, daßman die verschiedenartigen Bankgebilde überblickt und dasjenige abstreicht, wasaus dem RahmenKreditbank", so wie sie heute besteht, herausfällt.

a) Nach der äußeren Form unterscheidet man zunächst Bankbetriebe inder Hand von Einzelunternehmern und solche in der Hand von Gesell-schaften, ersterePrivatbanken", letztereBanken" schlechthin genannt.

x ) Bankenquete 1908/09. Berlin 1910. Materialien zur Frage des Depositenwesens.Punkt VI. S 126, 134.

2 ) Ad Reservefond: P a s s o w , Die Bilanzen der privaten Unternehmung. Leipzig 1910. S. 66/68. Herlfron, Lehrbuch des Handelsrechts. Berlin 1907. I.Band S. 455 ff.

3 ) Schönitz, Der kleingewerbliche Kredit. Karlsruhe 1912. S. 168.