16 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. I
1. Die „Privatbanken" nehmen an Zahl zu (1892: 2180; 1902: 2564; 1912auf 3500 geschätzt), an Bedeutung ab *). Wenige ganz Große rücken der Groß-bank nahe (Mendelssohn, Bleichröder): Großbanken mit persönlichem Einschlag.Im übrigen haben die größeren Privatbankbetriebe vielfach die Neigung, Vermögens-verwaltung zu werden: „Das Genie ist nicht erblich". Beispiel: Rothschild in Frank-furt , der das Diskontgeschäft als sicherste aller Anlagen pflegende Riesenrentner.Der Mittelbanker, einst der Vertrauensmann und Berater des Kunden, ging zu-rück. Beispiel: Ludwig Delbrück , der „seinen Beruf wie ein Amt auffaßte" 2 ).Die heutige Entwicklung verlangt damit vom Kapitalisten, will er nicht als Schafzur Schlachtbank geführt werden, mehr wirtschaftliches Wissen und mehr Selb-ständigkeit als ehedem. Der Mittelbanker in seiner Unterschicht schiedvielfach durch Effekten-Eigenspekulation oder durch unmittelbare Teilnahme ander Industrie aus der Reihe der Kreditvermittler aus. Dagegen vermehrte sich die— oft an das Proletarische streifende — Unterschicht, nicht selten demWucher benachbart, der „diskrete" Kreditgeber kleinerer Geschäftsleute, bis ihmdiese durch Genossenschaften entrückt werden. Zu seinem Geschäft gehört u. a.der Diskont zweifelhafter Wechsel, die Vermittlung von „Akzeptaustausch", derVertrieb fragwürdiger Effekten an den nichtökonomischen Menschen bis zumBauern, Dienstmädchen und Professor, die Verleitung zur Effektenspekulationvielfach auch durch Reisende, daher „Animierbanker". Besonders gefährlich istdieser „wilde Banker", wenn er unter dem Namen „Bank", gar „Sparbank", durchhohe Zinsen Einlagen aus Sparerkreisen anlockt. Die besseren Elemente unter denMittel- und Kleinbankern haben die Neigung, in Aktienbanken aufzugehen; indemsie bei solchen Fusionen ihre illiquiden Forderungen (Hypotheken, Effekten) zu-rückbehalten müssen, entwickeln sie sich öfters zu Industriellen.
Aber indem man den relativen Rückgang des Privatbankgewerbes feststellt,hüte man sich, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Der Schwerpunkt verschiebtsich; die ungeheuer gestiegenen Kreditansprüche sind nur durch die Aktienbankzu befriedigen. Dem Privatbanker bleiben jedoch wichtige Arbeitsgebiete erhalten,vor allem der Blankokredit an mittlere und kleinere Industrien und die Speziali-sierung auf bestimmte Effekten. Der Privatunternehmer betätigt sich nicht seltenarbeitsfreudiger als der Beamte, und die Dezentralisation der Kreditbanken findetan den wachsenden Verwaltungskosten ihre Grenze! Ein Zusammenschluß der Privat-banken nach französischem Vorbild könnte vielleicht manche Vorteile- des Großbe-triebs sichern und z. B. den Zugang zu größeren Emissionsgeschäften eröffnen 3 ).
2. Bankbetriebe als Gesellschaftsunternehmungen: „Bänke n", vor allemAktienbanken. Der Schwerpunkt unseres Bankwesens . liegt heute in Deutsch-land so sehr auf der Aktienbank, daß, wenn wir im folgenden von „Banken"reden, wir stets Aktienbanken meinen. Diese Tatsache ist von größter Bedeutung:Alle Probleme des Aktienwesens berühren unser Bankwesen in be-sonderer Schärfe.
Im einzelnen: Neben den offenkundigen Nachteilen—höheren Unkosten („derTaler wird nicht so oft herumgedreht"), der Indolenz der Aktionäre („bete commeun actionaire") — vergesse man nicht: Nur die Aktiengesellschaft ermöglichtjene Oeffentlichkeit, welche der zentralen Stellung wie der volkswirtschaftlichenVerantwortlichkeit unseres Bankwesens allein entspricht. Der Aktienbank undihr allein gegenüber ist damit ein gewisser Grad von Staatsbeaufsichtigung erzwing-bar. Dasselbe gilt von den Bestimmungen über Ansammlung eines Reservefonds,die dem Privatunternehmer nicht aufzunötigen sind. Schließlich: Die Börsengängigkeit