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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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Begriffliches und Geschichtliches.

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Berichterstattung auf die Kritik von Einzelfällen nahezu verzichtet, sind Handels-kritiken wie' die der Frankfurter Zeitung , des Plutus, der Kölnischen Volkszeitung,des Berliner Tageblattes und der Deutschen Tageszeitung im Auslande ohne Beispiel

auch eine überwirtschaftliche Grundlage des neudeutschen Kapitalismus . DieBildung unserer Handelsjurnalisten zu Kenntnissen wie zu Verantwortlichkeits-gefühl ist eine wichtige Aufgabe unserer Universitäten und Handels-Hochschulen.Der Fichtefreund bezieht dieBestimmung des Gelehrten" auch auf den so ver-sucherischen Beruf der Finanz- und Handelskritik, dessen formale Voraussetzungeben doch die breite Ausdehnung des bilanzpflichtigen Aktienwesens darstellt.

b) Nach ihrem Umfang teilt man die Banken in Großbanken, größere undkleine Mittelbanken, sowie Kleinbanken. Nach unseren heutigen deutschen Ver-hältnissen liegen die Grenzen bei einem Aktienkapital von über 100 Millionen Mk.(Großbank), von 10010 und 101 (größere und kleinere Mittelbank), unter 1 MillionMark (Kleinbank). Die in der Hauptstadt des Landes ansässigen Großbanken,Berliner Großbanke n", bilden als Zentralbanken einen in sich geschlosse-nen Kreis, darunter leitend die Größtbariken (D-Banken") mit einem Aktien-kapital von heute über 200 Millionen Mk. Die Mittel- und Kleinbanken lehnen sichmeist alsP r o v i n z b a n k e n" an diese Zentralbanken an. DiedeutscheKreditbank", von der wir im folgenden handeln, gehört einer dieser Gruppen an:sie ist Großbank- oder Mittelbank.

Einer besonderen Beurteilung unterliegen die Kleinbanken, auf welcheim folgenden nicht weiter eingegangen wird. Indem sie vielfach von Genossen-schaften abstammen, tragen sie manchmal genossenschaftliche Züge; z. B. die Aktionärebesuchen noch persönlich die Generalversammlung *), wobei öfters Stimmenhäufungdurch Statut beschränkt ist. Infolge lokaler Vertrauensstellung sammeln geradediese Banken zuweilen erhebliche Depositen bei geringfügigem Eigenkapital. IhreAktiva sind vielfach hypothekarisch festgelegt; manche Kreditgenossenschaft nahmdie Aktienform nur um deswillen an, um an Nichtgenossen Hypothekarkredit ge-währen zu können, was das Genossenschaftsgesetz verbietet.

Das Schwergewicht des deutschen Kreditbankwesens liegt durchaus bei denGroßbanken und den größeren Mittelbanken. 1908 waren es 9 Berliner und44 Provinzbanken mit 6 /<s aller Werte (Aktivis und Passivis) der deutschen Kredit-banken überhaupt. Innerhalb dieses Kreises überwiegen die Großbanken zwar nichtan Eigenkapital, wohl aber an Geschäftsumfang und an Reserven. Vom gesamtenAktienkapital entfielen 1908 1200 Millionen Mk., mehr als 40%, auf die 9 BerlinerGroßbanken, weitere 1200 Millionen Mk. auf die 44 größeren Provinzbanken. DieReserven waren bei den 9 Berliner Großbanken um mehr als 100 Millionen Mk.höher als bei den 44 großen Provinzbanken. Diefremden Gelder" dieser beidenGruppen umfaßten (Ende 1908) 80% allerfremden Gelder" der deutschen Aktien-banken überhaupt, wobei 3,7 Milliarden auf die Großbanken, 2,7 auf die großenMittelbanken kamen 2 ).

c) Die wichtigste Scheidung ist die nach der wirtschaftlichen Funktion.Man unterscheidet die Banken als Vermittler von langfristigem Anlagekapitalund als Vermittler von kurzfristigem Betriebskapital.

1. Vermittlung von Anlagekapital, a. Vermittlung privater Hypothekenist ein bankmäßiges Geschäft, obwohl vielfach in der Hand einer besonderenKlasse von Geschäftsleuten, welche zugleich in Grundstücken handeln. Der Fach-ausschuß der Berliner Handelskammer für Grundstücks- und Hypothekenverkehrhat die BezeichnungBankgeschäft in Hypotheken und Grundbesitz" anerkannt

mit Recht, wenn man das Hypothekengeschäft als Bankgeschäft, den Grund-stückshandel als Nebengeschäft ansieht. Es besteht in der Tat kein funktioneller,

*) Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 110. S. 364. Leipzig 1903.

2 ) Bankenquete 1908/09. Materialien z. Frage des Depositenwesens, Punkt VI. S. 107/110,112. Berlin 1910.

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