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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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34
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34 G. v. Schulz e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. I

Mehrverbrauch und Großmannssucht nach glücklich beendetem Kriege. Hierzukam die Rückzahlung erheblicher Beträge deutscher Kriegsanleihen, welche dasAnlagebedürfnis des Publikums der Aktie zudrängte. Gierig wurden die Industrie-papiere auch von solchen Kreisen aufgenommen, denen die Aktie bisherkaumdem Namen nach" bekannt war. Hierzu kam, daß kurz vor Ausbruch des Kriegesdie Konzessionspflicht für die Aktiengesellschaften durch Gesetz von 1870 auf-gehoben worden war J ).

Nicht die aus der früheren Periode überkommenen Kreditbanken leiteten dieneue Bewegung, sondern Gründer und Gründerbanken Eintagsgeschöpfe einesbeispiellosen Taumels. Damals spielte der Financier der Augenblicksgewinngegenüber der Werkfortsetzung eine so bedeutende Rolle, wie nie zuvor und nienachher in der deutschen Volkswirtschaft. Typus: Strousberg , der ost-europäische Jude mit Doktortitel unbekannter Herkunft, dergeniale Schwindler",wobei fraglich ist, ob der Akzent mehr auf genial, oder auf Schwindler zu legen ist ?).Das Publikum mußte denGlauben" dieses Gründers an seine Gründungen teuergenug bezahlen. 9 /io jenes Aktienwesens waren nach Oechelhäuser aus einerVermählung der Illusion mit dem Schwindel hervorgegangen. Effekten wurdenauf Vorrat" geschaffen ohne Rücksicht auf das wirtschaftliche Bedürfnis und dieAufnahmefähigkeit des Kapitalmarktes. Zeichnung des AktienkapitalsdurchDienstmänner, die für einen Tag in Rock und Zylinder gesteckt wurden", war an derTagesordnung. Oft waren in den strafgerichtlichen Untersuchungen jener Tagenicht einmal die Verfasser jener schwindelhaften Prospekte zu ermitteln, welcheunerhörte Dividendengarantiert" hatten. Die Umwandlungsgeschäfte jener Tage,waren überwiegendAusschlachtungsgeschäfte". Damals wurde die BezeichnungGründer" vom Injurienrichter geahndet.

Tummelplatz der Gründer war einechaotische" Börse nach LaskereineAkademie für Umgehung der Gesetze". Soweit ihre Gründungen über das Börsendaseinhinaus in das Leben traten, krankten sie an Unfähigkeit der technischen Beamtenund jähen Lohnsteigerungen der Arbeiter ohne entsprechende Steigerung der Arbeits-leistung. Mittelpunkt dieser ganzen Bewegung war Berlin . Die Zahl der Industrie-aktien im Frankfurter Kurszettel stieg von Januar 1871 bis Januar 1873 nichtmehr als von 11 auf 13 (!). Unfertiges Emporkömmlingstum prägte damals demdeutschen Wirtschaftsleben und darüber hinaus dem deutschen Leben überhauptseinen Stempel auf: billig, protzig, schlecht. In Berlin traf ein unerzogenes undspiellüsternes Publikum eine nicht gerade intelligenteIntelligenz" mit einemebenso unerzogenen Börsentum osteuropäisch-jüdischer Herkunft zusammen.DerGeheimrat wurde vom Jobber in die dritte Etage gedrängt." Der Jobber aberschaukelte imLehnstuhle mit Musik" ein Verwüster der letzten, dünnen Bieder-meiertraditionen.

Dennoch hatte jene Zeit ihren großen Zug, da im Berliner sich zum erstenmaldas noch unberechtigte Gefühl desWeltstädters" regte, und die Nation von demWahn ergriffen war, daß dem politischen Aufschwung der wirtschaftliche auf demFuße folgen müsse : ein Glaube, der die Zukunft um Jahrzehnte vorwegnahm.Nicht wenige Gründungen jener Tage entwickelten sich zu dauernden Größen.

J ) Aus der umfangreichen Literatur jener Zeit seien angeführt: H. Sattler , Die Ef-fektenbanken. Leipzig 1890. S. 108ff. W. Oechelhäuser , Die wirtschaftliche Krisis.Berlin 1876. O. G 1 a g a u , Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin. Leipzig 1876.S. 81 ff. Max Wirth, Geschichte der Handelskrisen. 3. Aufl. Frankfurt a. M. 1883.S. 472 ff. Die Aera Bleichröder-Delbrück-Camphausen. Separatabdruckder Kreuzzeitung. Berlin 1876. Schäffle, Der große Börsenkrach des Jahres 1873.S. 1 ff. (Zeitschr. für die ges. Staatswissenschaft. Bd. XXX. Tübingen 1874). Rud. Meyer,Politische Gründer und die Korruption in Deutschland. Leipzig 1877. Soetbeer, Diefünf Milliarden. Berlin, Habel, 1874.

! ) Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert. Berlin, Guttentag,1876, S. 154 ff.