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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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II

Bankgeschäfte.

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Sie sind jederzeit kündbar oder mit kurzer Kündigungsfrist versehen; daher ver-hältnismäßig unsichere Betriebsmittel der Bank. Bei stockendem Geschäftsgangevermehren sie sich und überfluten die Banken; bei jähem Geschäftsaufschwungwie bei plötzlicher Krise fluten sie ab, aufgezehrt von festen Kapitalanlagen odervon außergewöhnlichem Zahlungsbedürfnis. Ausländische Gelder dieser Art könnenim Falle einer wirtschaftlichen oder politischen Krisis durch ihr rasches Abströmendie größten Unbequemlichkeiten bereiten 1 ). Im ganzen ist diese Art von Depo-siten, worauf schon Nasse hinwies, für die Bank ein weniger erwünschtes Mittelder Geldbeschaffung als die Depositen zu Zahlungszwecken.

Um Depositen anzuziehen, gewähren unsere Kreditbanken Zinsen. Ueberdie Höhe des Depositenzinses entscheidet äußerlich die Höhe des Reichsbankdiskonts,hinter dem sich der Zins für stets fällige Depositen um 12% zu halten pflegt.Innerlich freilich herrscht der Privatdiskont als der leitende Zinsfuß des Geld-markts, dem in Ausnahmefällen trotz entgegengesetzter Bewegung des Reichs-banksatzes der Depositenzins sich anschließt. Ein verhältnismäßig hoher De-positenzins war bei der Jugendlichkeit unserer Volkswirtschaft zunächst unver-meidlich, umGelder mobil zu machen". Aber heute liegt die Herabdrückung desDepositenzinses im Interesse unserer Kreditbanken auch hier wieder nach demVorgange Hamburgs, wo er für Guthaben von mindestens 1000 Mk. nur 1% be-trägt 2 ). Die altbefestigten englischen Depositenbanken vergüten bis zur Hälfte derDepositen überhaupt keine Zinsen; sie besorgen dafür Zahlungsverkehr und Ver-mögensverwaltung ihrer Kunden umsonst. Der Credit Lyonnais verzinst seinefremden Gelder mit durchschnittlich 0,8%. Je mehr der Satz zur öffentlichenMeinung wird:EineBank, welche unwirtschaftlich hohe Zinsen vergütet, ist nichtvertrauenswürdig", um so mehr können die Kreditbanken sich auf das reguläre Bank-geschäft beschränken und bei großer Sicherheit und kleinem Eigenkapital hoheDividenden verteilen. Schon heute sind örtliche Vereinbarungen hinsichtlich derDepositenzinsen in Deutschland üblich; eine Zentralstelle sollte dafür sorgen, daßsolche Vereinbarungen geographisch gegeneinander abgegrenzt und tatsächlich ein-gehalten werden. Dagegen enthielte die Festsetzung eines gleichen Zins-fußes für alle Banken eine Begünstigung der Großbank, eine Benachteiligungder Kleinbank und besonders des Privatbankers, der nur durch etwas höheresZinsangebot in Mitbewerb zu den großen Depositenstellen treten kann. Es sollhier nicht die Frage aufgerollt werden, ob es volkswirtschaftlich erwünscht ist, dieDepositen bei den großen und darum kontrollierbareren Depositenstellen zu sammeln.

Die Hereinziehung von Spargeldern, um welche sich unsere Bankennur zu sehr bemühen, unterliegt erheblichen privatwirtschaftlichen Bedenken.Diese Einlagen suchen in den Banken dauernde Anlage an Stelle von Effektenan-lage, die der unökonomische Sparer mit Recht scheut. Sie bilden für die Bank zwarverhältnismäßig sichere Betriebsmittel, da ihnen längere Kündigungsfristen wesent-lich sind; sie erfordern aber eine hohe Verzinsung, welche die Bank auf irreguläreGeschäfte hinweist, während der Einleger die größte Sicherheit seiner Anlage er-wartet. Diese Spargelder sind ein Hemmnis in der Entwicklung unseres Bank-wesens auf dem Wege zur Depositenbank 3 ). Der Wettbewerb, den unsere Kredit-banken den Sparkassen machen, ist im Interesse der Bank selbst um so bedenklicher,je höher der versprochene Zins, je kürzer die Kündigungsfrist ist. Vergleiche z. B.das Zirkularschreiben, das Filialen der Mitteldeutschen Kreditbank im Dezember1910 verschickten:Die Verzinsung der Bareinlagen erfolgt mit 4%; eine Kündigungs-frist beanspruchen wir nicht. Um unsere Neueinrichtung möglichst weiten Kreisenzugänglich und sie auch Sparzwecken dienlich zu machen, nehmen wir Einzahlungen

x ) Bankenquete 1908/09. Die Verhandlungen der Gesamtkommission zu PunktVI des Fragebogens (Depositenwesen). Berlin 1910. S. 70.

2 ) Vgl. Deutsche Bank, Filiale Hamburg . Bedingungen für den Giroverkehr.

3 ) A. L a n s b u r g h , Depositen und Spargelder. Berlin 1909 (Aus:Bank "). S. 16/17.