64 G. v. S c h u 1 z e-G a e v e r n i t z, Die deutsche Kreditbank. H
tion des Wechsels ist die des Kreditinstruments, also die Ausstattungdes Unternehmertums in Handel und Industrie — weniger der Landwirtschaft,deren Kapital langsamer umschlägt, und die sich weniger an feste Termine bindenkann — mit kurzfristigem Betriebskredit. Der Kreditnehmer(Aussteller, Diskontgeber) empfängt seitens eines berufsmäßigen Kreditgebers(Diskontnehmer, Diskonteur) die Wechselsumme unter Zinsabzug, ehe das demWechsel zugrunde liegende umlaufende Kapital umgesetzt ist. Daher verlangtjeder Wechsel •— soweit er gesund ist, d. h. seiner volkswirtschaftlichen Funktionentspricht — die Unterlage von sichtbaren Gütern, die der Umsetzbarkeit entgegen-reifen. Keine Wechsel also in diesem volkswirtschaftlichen Sinne sind „Sichtwechsel",d. h. Wechsel, die sofort auf Präsentation fällig sind. Es sind das reine Zahlungs-mittel, Schecks in den Formen des Wechselrechts. Dagegen sind echte Wechseldie sog. „Nach Sicht-Wechsel": „Zahlen Sie 20 Tage nach Sicht"; die Frist läufthier vom Tage der Präsentation zum Akzept. Derartige Wechsel sind häufig beiüberseeischen Ziehungen mit unsicherem Ankunftstermin. In Deutschland hatmit Ausbreitung der Kreditwirtschaft die Bedeutung des Wechsels als Kreditin-strument zugenommen — in höherem Grade, als es der Bevölkerungsvermehrungentsprach. Der durchschnittliche Betrag der in Umlauf befindlichen Wechsel stiegbei uns schätzungsweise von 3,9 Milliarden Mk. im Jahre 1872 auf 7,5 Milliarden1909 1 ), während in der angelsächsischen Welt der Wechsel zurücktritt, als Zahlungs-mittel durch den Scheck, als Kreditmittel durch pfandmäßige Kreditformen be-einträchtigt. Die Zunahme des Gesamtwechselumlaufs beruht bei uns durchausauf der Zunahme der Kreditwechsel.
Aber der Wechsel ist in vielen Fällen nicht nur Kreditmittel, sondern zugleichauch Zahlungsmittel, indem das Zahlungsversprechen im Akzept zeit-weise an Stelle der Zahlung tritt: Warenwechsel. Je mehr die sofortige Zahlungdurch Scheck und Giro in der größeren Geschäftswelt um sich greift, um so mehrschwindet die Bedeutung des größeren Warenwechsels. Vor allem haben dieKartelle und Syndikate die breite Kreditgewährung, wie sie der freie Wettbewerbgezwungenermaßen dulden mußte, erfolgreich bekämpft. Daher spielt in den syndi-zierten Geschäftszweigen der Wechsel eine weit geringere Rolle als anderwärts.Allerdings ist an Stelle des Warenwechsels vielfach das Bankakzept getreten, durchwelches der weiterverarbeitende Fabrikant die Mittel flüssig macht, um den Liefe-ranten des kartellierten Halbfabrikats sofort zu bezahlen. Der Wechsel dient über-wiegend der mittleren Industrie, weswegen der Akzeptumlauf bei ausgesprochenenBanken der Kartellindustrie zurücktritt, z. B. bei der Essener Kreditanstalt imGegensatz zur Rheinisch-Westfälischen Diskontogesellschaft. Im internationalenVerkehr spielt der Warenwechsel noch heute die leitende Rolle als Zahlungs-mittel. Andererseits gibt es im nationalen Verkehr erhebliche Möglichkeiteneiner Ausdehnung des Warenwechsels. Noch fürchtet unsere kleinere Ge-schäftswelt die Strenge des Wechselrechts und die Pünktlichkeit der Zahlung.In Deutschland spielt daher der kleine Warenwechsel eine viel geringere Rolleals in Frankreich . 1906 belief sich der Durchschnittsbetrag des diskontiertenWechsels bei der Reichsbank auf 2066, bei der Deutschen Bank auf 5366 Mk„bei der Bank von Frankreich auf 683 Fr., beim Credit Lyonnais auf 773 Frs. Derkleine Warenwechsel dient zur Ueberwindung der Borgwirtschaft. In Frankreich weiß selbst der Bauer und Handwerker mit dem „Billet" umzugehen und ist ge-neigt; sich auf bestimmte Fristen zu verpflichten 2 ).
Durch die Möglichkeit mehrerer Indossi kann der Wechsel endlich auch die
x ) Handwörterbuch der Staatswissenschaften, herausgeg. von J. Conrad u. a. 3. Aufl.Bd. 8. S. 667/668. Jena, Fischer, 1911.
2 ) Schwarz, Diskontpolitik. Leipzig 1911. S. 86. Immerhin kommt in Betracht,daß es sich vielfach um nicht akzeptierte Kleinwechsel handelt, womit wirtschaftlich derfranzösische Kleinwechsel sich dem deutschen Buchforderungsdiskont annähert.