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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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70 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. 11

setzlich zum Rediskont verpflichtet; wohl aber besteht in der Geschäftswelt dasVertrauen, daß sie gute Wechsel niemals ablehnen wird. Auf solchem Vertrauenfußt unser ganzes Kreditwesen. Rediskontierungen machen an den sog.schwerenTerminen" einen erheblichen Teil des Wechselportefeuilles der Reichsbank aus,geht doch z. B. die Wechselanlage der Deutschen Bank an denTerminen" meistum 60 bis 100 Millionen Mk. zurück J ). Unsere Großbanken rediskontieren bei derReichsbank vorwiegend kürz gewordene Wechsel. Rediskontierung langer Wechselbedeutet den Verlust der Zinsdifferenz zwischen dem niederen Privatdiskont, zudem die Bank die Wechsel kaufte, und dem höheren offiziellen Diskontsatz, zudem die Bank die Wechsel verkauft: ein Eingeständnis eigener Schwäche. DieReichsbank übt als letzter Diskonteur ein gewichtiges Zensorenamt aus und wirktauf die Privatdiskonteure erzieherisch zurück:In praxi sichtet jeder, der bei derReichsbank diskontiert, sein Wechselmaterial, um ja keinen abschlägigen Bescheidzu riskieren" 2 ).

Im einzelnen: b) Wer diskontiert? 1. Die Kreditbanken, a. DieGroßbanken. Der niedere Stand des Diskontsatzes verbietet Diskontanlage desEigenkapitals der Bank, erlaubt also Diskontanlage nur den Banken, welchebedeutende Beträge niedrig verzinslicher fremder Gelder verwalten. Die Groß-banken sind demnach die wichtigsten Diskonteure. Die täglich fälligen Depo-siten werden von den Großbanken vielfach um 1% niedrer verzinst, als vomPrivatbanker; daher können sie am billigsten diskontieren. Unter diesen jederzeitfälligen Depositen, welche unsere Großbanken in Diskonten anlegen, spielen ge-legentlich auch die Guthaben fremder Regierungen eine erhebliche Rolle.

ß. Die Provinzbanken. Die großen Provinzbanken kaufen ebenfalls Dis-konte als Reserve für unvorhergesehene Zufälle, auch für feststehende künftigeZahlungen, z. B. für Steuer- und Zollverpflichtungen der Kunden. Kleinere Pro-vinzbanken, welche weniger Depositen haben, diskontieren gewöhnlich nur die Wechseldes lokalen Geschäfts, um sie, mit ihrer Unterschrift verbessert, zu niederem Dis-kont zu rediskontieren. Auf solche Weise verdienen sie den Zwischenzins ohne Fest-legung von Mitteln. Ihre eigene Wechselanlage setzt sich dagegen vielfach ausminderwertigem Material zusammen. Die Provinzbanken sind besonders scharfe Kon-kurrenten der Reichsbank auf dem Markte der Warenwechsel; sie zwingen ihreKunden vielfach zumWechselverkehr". Letztere haben die ihnen eingehendenWarenwechsel ihrer Bank zum Diskont anzubieten. Die Banken schreibenschwächeren Kunden die eingereichten Wechsel öfters erstValuta per Verfall" gut,d. h. zu dem künftigen Verfalltage, um den höheren Kontokorrentzins zu verdie-nen. Bei einer größeren Anzahl eingereichter Wechsel wird ein Durchschnittsver-falltag berechnet. Uebrigens kann die GutschriftValuta per Verfall" für den Kun-den auch günstig sein, nämlich dann, wenn er durch Diskontierung in dasKredit"käme, die Bank aber einen höheren Diskont an seinen Wechseln berechnet, als sieKreditzinsen vergütet.

y. Privatbanker befassen sich in Deutschland weniger mit dem Diskontge-schäft, abgesehen von wenigen alten Firmen ersten Ranges, von denen die wichtigstefortfiel: die rentnerisch gewordene Frankfurter Rothschilds.

Anders als in England existiert in Deutschland keine besondere Klasse vonDiskonthäusern. Die englischen Depositenbanken diskontieren grundsätzlich nurWechsel ihrer Kunden. Für das englische System der Arbeitsteilung, das übrigensauch auf diesem Gebiet im Schwinden ist, wird geltend gemacht: Der gut eingearbeiteteVermittler", der einen besonderen Markt (z. B. Baumwollwechsel, westindischeWechsel) beherrscht, ist besser in der Lage, die Güte der Wechsel zu prüfen, als die

J ) Ad. Lansburgh, Das Keinreservesystem (Bank 1910, S. 914).

2 ) Bankenquete 1908/09. Die Verhandl. der Gesamtkommission zu Punkt VI desDepositenwesens. Berlin 1910. S. 25.