II
Bankgeschäfte.
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vielfältigen Interessen dienende Bank 1 ). Denselben Vorteil erreichen jedoch die deut-schen Banken durch Arbeitsteilung innerhalb des Bankorganismus. Jegrößer die Bank, desto ausgebildeter ist die interne Arbeitsteilung. Einzelne alt-erfahrene Beamte dienen ausschließlich dem Diskontgeschäft. Solchen gewiegtenDiskonteuren erzählen die Wechsel durch ihre Beträge, Verfallzeiten, Unterschriftenihre sonst so verschwiegene Geschichte.
2. Die Reichsbank ist zwar auch heute noch der größte Diskonteurdes deutschen Geldmarktes; sie diskontierte:
1872 30,1%
1899 39 %
1905 35,9% aller deutschen Inlandswechsel.
Trotzdem liegt der Höhepunkt des Reichsbankdiskonts in der Vergangenheit.Einstens hieß es: „Die Reichsbank überschaut durch das Diskontgeschäft die Ent-wicklung der einzelnen Industrien in Deutschland, die Leistungsfähigkeit der Pro-duzenten, die Höhe der Umsätze, die Kauflust der Nation und somit das ganzeGetriebe des Verkehrs, das zu beschleunigen oder zu verlangsamen sie in der Handhat" 2 ). Seitdem traten anstelle der Reichsbank die Großbanken. Am Jahresende1883 hatten die Kreditbanken 453 Millionen Mk. in Wechseln angelegt, die Reichs-bank 467. 1909 waren die entsprechenden Ziffern 2804 und 1240 Mill. Mk. DieReichsbank wird von einer Wechselkategorie zur anderen zurückgedrängt, was sichu. a. in der verkürzten Laufzeit ihrer Wechselanlage zeigt. In Berlin betrug 1910die Laufzeit ihrer Platzdiskonte durchschnittlich nur noch 8 Tage. Die Reichsbankist in Gefahr, zur „Inkassobank" zu werden und damit den Ueberblick über dieVolkswirtschaft von dieser Stelle aus zu verlieren. Sie sucht sich zwar Kenntnisder geschäftlichen Grundlage des ihr angebotenen Wechselmaterials zu verschaffen,nicht nur, um sich vor Verlusten zu schützen, sondern auch im Interesse ihrer wirt-schaftspolitischen Aufgaben. Aber diese Kontrolle wird um so schwieriger, je mehrdie Reichsbank in normalen Zeiten die Fühlung mit dem Geschäftsleben verliert. Kurzvor Verfall erreicht zwar die große Masse der Wechsel zu Inkassozwecken oder durchdie Domizilklausel noch immer die Reichsbank. Aber dieser Wechselverkehr genügtnicht, um ihr einen Einblick in das Auf und Nieder der Konjunktur zu verschaffen.Schließlich geht auch das Reichsbankinkasso infolge der weitverzweigten Inkasso-Einrichtungen der Kreditbanken zurück. Rückgängig ist nicht minder das Reichs-bank-Domizil. Bevor Abrechnungsstellen bestanden, wurden in der Provinz mitwenigen Ausnahmen die Bankakzepte bei der Reichsbank domiziliert; heute werdensie vielfach im Abrechnungsverfahren ohne Reichsbank-Domizil erledigt. Im Zu-sammenhang mit obigen Tatsachen ist die Frage aufgetaucht, ob die Reichsbankdurch einen verbilligten Diskontsatz für beste Wechsel (Rückkehr zu dem zeitweisevon ihr zur Anwendung gebrachten Privatdiskont) ihre Stellung auf dem Diskont-markte verbessern solle. Die Beantwortung dieser Frage fällt aus dem Rahmender vorliegenden Arbeit.
3. Andere Kreditgeber, die mehr auf die Sicherheit und die Liquidität derAnlage, als auf hohen Zinsfuß zu sehen haben, konkurrieren weniger mit der Reichs-bank, als vielmehr mit den Großbanken auf dem Markte der Bankakzepte. Hierzurechnen ausländische Geldgeber, wie der Credit Lyonnais, Comptoir d'Escompte, ausländische Regierungen, z. B. die russische. Dazu kommen noch Notenbanken,Versicherungsgesellschaften, Vermögensverwaltungen, Sparkassen- und Genossen-schaftsverbände, sowie staatliche Banken wie die Seehandlung, die Zentralgenossen-schaftskasse 3 ).