72 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank, II
c) Was wird diskontiert? Das Diskontmaterial zerfällt in bankfähige undnicht bankfähige Wechsel.
1. „Bankfähige" Wechsel sind Wechsel auf Reichsbankplätze, die hinsicht-lich ihres Ursprungs und der Zahlungsfähigkeit der Verbundenen keinen Anstoßerregen und den Erfordernissen der Reichsbank entsprechen — Laufzeit nicht über3 Monate, mindestens zwei gute Unterschriften. Nur solche Wechsel sind im Bedarfs-falle bei der Reichsbank rediskontabel und erfüllen damit die Funktion der liquidenReserve. Voran stehen die guten Papiere des Großhandels, unter ihnen, des niederstenDiskonts teilhaftig, die dokumentierten Tratten des internationalen Warenverkehrs.Hierzu kommen Genossenschaftswechsel, bei denen neben dem Vermögen der Ge-nossenschaft die Solidarhaft der Genossen vorteilhaft mitspricht, und die kleinen,soliden Warenwechsel, welche die Reichsbank mit Vorliebe diskontiert. Liegt dochdie Mehrzahl der von der Reichsbank diskontierten Wechsel unter 509 Mk. (1905).Aber viele Genossenschaftswechsel, viele kleinere Warenwechsel sind alles andereals „bankfähig": prolongationsbedürftig, öfters von vornherein „ohne Kosten",also unter Protesterlaß oder „ohne Obligo", d. h. unter Ausschluß der Indos-santenhaftung ausgestellt (W.O. Art. 42 und 14).
2. Innerhalb der bankfähigen Wechsel hebt sich als besondere Klasse„Bestes Bankpapier" hervor, welches den niedersten Diskontsatz genießt. NachBerliner Börsenusance sind dies Wechsel von mindestens 5000 Mk., drei Monatebis 56 Tage laufend, mit gutem Bankakzept versehen. Die pünktliche Bezahlungvon Warenwechseln hängt von individuellen Umständen ab; hinter der Bank da-gegen steht, wenn sie gut ist, der ganze Geldmarkt. Bei uns gelten als bestes Bank-papier die Akzepte der Berliner Großbanken, welche als schlechthin vertretbarangesehen werden, ferner die Akzepte einiger großen Provinzbanken. Eine Steigerungdes Diskontsatzes über das allgemeine Niveau ist für solche Wechsel bereits eineVerwarnung des Akzeptanten. Gleichen Ranges mit dem Bankakzept sind dieAkzepte einiger besten Privatfirmen, an der Spitze Mendelssohn und Bleichröder .Rothschild diskontierte nur private Akzepte. Die damals noch weniger gefestigtenAktienbanken weisen jedoch nach heutigem Aktienrecht gegenüber dem Privat-banker den Vorzug der Oeffentlichkeit auf. Die Bevorzugung dieser besten Bank-papiere fördert durch billiges Geld alle die Firmen, welche Akzeptkredit bei Ban-ken genießen, also die Großbetriebe des Handels, der Industrie, auch die Börse.
3. Ueber dem deutschen Bankpapier lagen bislang gute Londoner Akzepte,weil sie als weltmarktgängig galten. Ein gutes Portefeuille auf London erschien unserenKreditbanken als die vorzüglichste, auch in internationalen Wechselfällen — sogarKriegszeiten? — sicherste Reserve, wie denn die deutsche Reichsbank 80% ihresDevisenbestandes ebenfalls in Wechseln auf London angelegt hat. Insbesondere istbei hohem Londoner Diskontsatze die Beliebtheit des Londoner Akzeptes eine sogroße, daß weitere deutsche Diskonterhöhungen wirkungslos abprallen; z.B. würdebei einem Londoner Diskontsatze von 6 % eine deutsche Erhöhung auf 7 % dasinternationale Kapital eher abschrecken als anziehen 1 ). In gewissem Umfange galtnoch bis in die letzten Jahre das Wort aus der Höhezeit englischer Wirtschafts-macht: „Die Diskonterhöhung der Bank von England macht den englischen Kauf-mann zum Herrn des disponiblen Kapitals der Erde." Ein kleiner Kreis Londoner Privatfirmen, weltberühmte Namen meist deutschen Ursprungs (Baring, Goschen,Huth, Schröder u. a.) besitzen bislang eine Art Akzeptmonopol. In zweiter Liniestehen die Londoner Clearinghousebanken, deren Akzepte Ende 1906 jedoch nur25 Mill. £ betrugen gegenüber den privaten Akzepthäusern mit einem Akzeptum-lauf von 87 Mill. £. Die Akzepte der letzteren Firmen übertreffen ihr Eigenkapitaltun das 4—5 fache. Trotzdem wurden ihre Akzepte denen der Londoner Filialen
J ) Lansburgh, Die Unwirksamkeit der deutschen Diskontpolitik (Bank, lahrgang1909. S. 425/426).