II
Bankgeschäfte.
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sofortiger Güter dem Unternehmertum gegen den Vorbehalt, aus dem künftigenGütervorrat der Nation bestimmte höhere Wertbeträge zurückzuerhalten. DieserWertunterschied heißt Zins. Er fällt und steigt mit fallendem oder steigendemBegehr nach sofortigen Gütern und der Hoffnung auf höheren oder niedreren Ertragin der Zukunft. Er ist also abhängig von der Konjunktur. Im einzelnen scheide manfolgendes: Entweder beschafft sich der Unternehmer auf dem Wege langfristigen Kre-dites solche Güter, welche nicht selber, sondern nur in ihren künftigen ErzeugnissenGebrauchswert erlangen: „Anlagekapital", z. B. Fabrikgebäude oder Maschinen. Oderer beschafft sich auf dem Wege kurzfristigen Kredites solche Güter, welche selber derGebrauchbarkeit entgegenreifen: „Warenkapital", z.B. wachsende Ernten, schwim-mendes Getreide. Diese beiden Klassen von Gütern unterscheiden sich nachdem Grade ihrer „Umsetzbarkeit" in fertige Gebrauchsgüter und werden inso-fern als „festes" und „flüssiges" Kapital unterschieden. Der Markt der ersteren,d. h. das Angebot an festem Kapital gegen langfristige Gläubigerrechte heißtKapitalmarkt, der Markt der letzteren, d. h. das Angebot an flüssigemKapital gegen kurzfristige Gläubigerrechte, heißt — nach dem irreführenden Sprach-gebrauch der Geschäftswelt — „Geldmarkt". Auf beiden.Märkten werdengegenwärtige Sachgüter gegen Ansprüche auf künftige Wertbeträge getauscht.Der Unterschied zwischen beiden Märkten besteht in der Verpflichtung des Schuldnersauf längere oder kürzere Frist. Daher sagt Spiethoff mit Recht: „Der Geld-markt hat keine innigeren Beziehungen zum Geld (Geld im Sinne von gesetzlichemZahlungsmittel) als der Kapitalmarkt" '). Dabei macht es keinen Unterschied,daß sich die realen Kapitalien der erleichterten Begebbarkeit und Verpfändbarkeitwegen vielfach in papiernes Gewand hüllen; das schwimmende Getreide verkleidetsich als (dokumentierter) Wechsel, das Fabrikgebäude als Aktie. Ja, diese „papiernenDuplikate des wirklichen Kapitals" 2 ) können sich ihrerseits abermals in neuePapiere verwandeln: der Wechsel in eine auf Wechsel fundierte Banknote, dieAktie etwa in die Obligation einer Finanzierungsgesellschaft. Aber alle diesePapiergebilde sind hohl, und ein Windhauch bläst sie zusammen, wenn nicht letztenEndes Sachgüter dahinterstecken.
Der wichtigste Teil des Geldmarktes ist der Wechselmarkt: der Dis-kont hat die „Führerrolle unter den Zinssätzen desGeld-marktes". Der Diskont als der Preis der Wechsel wird beherrscht durch An-gebot und Nachfrage von solchem Warenkapital, das die Unterlage von Wechselnbilden kann. Beispiel: Eine günstige Handelsbilanz, welche uns ausländischesWarenkapital in Gestalt von Devisen zur Verfügung stellt, ermäßigt den Diskont-satz, ebenso wie die dem Auslande gewährte Anleihe ihm heimisches Waren-kapital zur Verfügung stellt und daher unsern Diskontsatz steigert. Daneben be-stehen andere Becken des Geldmarktes, so vor allem der Lombard- undReportmarkt. Dieser ist ebenfalls ein Teil des Geldmarktes. Denn auch fürden Umsatz von Effekten — Anlagekapital — ist Zahlkraft — also Warenkapital —erforderlich. Gemeinhin sind die Lombard- und Reportsätze höher als der Diskont,weil die Festlegung des Kreditgebers beim Effektenumsatz eine größere ist. Da-gegen zeichnet nicht nur die größere Sicherheit, sondern auch die stete Möglichkeitdes Rediskonts eine guteWechselanlage aus, was denDiskont herabdrückt. Trotzdemsteht der Diskontmarkt und der Reportmarkt in enger Verbindung. Steigendie Reportsätze erheblich über den Diskont, so verkaufen die Banken Diskonte,um ihre Kapitalien der Börse zuzuführen; daher Steigerung des Diskontsatzes.Im Laufe des Jahres findet bei jeder Ultimoabwicklung eine erhebliche Um-wandlung von Diskontgeldern in Reportgelder statt 3 ). Umgekehrt fließt beim
*) Schmollers Jahrbuch 1909 I. S. 27. Vgl. auch die oben angeführte Schrift von H. v.Beckerath über Kapitalmarkt und Geldmarkt.
z ) K. Marx, Das Kapital. 3. Band, 2. Teil. 2. Auflage. Hamburg 1904. S. 14.
3 ) Prion, Das deutsche Wechseldiskontgeschäft. Leipzig 1907. S. 94.