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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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78
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78 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. II

Herabgehen der Reportsätze das bisher der Börse gewidmete Kapital dem Diskont-markte zu und bewirkt ein Sinken des Diskontsatzes. Beispielsweise wurde dieGeldkrisis im Herbst 1907 in Deutschland dadurch gemildert, daß die Börse zurechter Zeit abgebaut hatte und dem Diskontmarkte Mittel anbot. Daneben stehtder Markt für sogenanntestägliches Geld", der gemeinhin wenig Einflußauf den Diskont ausübt. Unter täglichem Geld verstehen wir Kapital, das der Börsevon Tag zu Tag oder täglich kündbar von den Banken und andern Geldgebern vor-gestreckt wird. Der Satz für tägliches Geld, als der kurzfristigsten Anlage, ist imallgemeinen erheblich niedriger als der Diskontsatz, schwankt jedoch außerordentlich,weil hier zeitweise unbegrenzte Nachfrage einem begrenzten Angebot gegenüber-stehen kann. Ist der Satz für tägliches Geld ausnahmsweise höher als der Diskont-satz, so tritt Kapitalzufluß vom Diskontmarkt ein; die Diskontsätze steigen 1 ).

Hinter dem Geldmarkt steht in letzter Reihe der Kapitalmarkt, d. h.Nachfrage und Angebot von Anlagekapital, besonders der Effekten- undHypothekenmarkt. Geldmarkt und Kapitalmarkt sind zwei getrennteBecken, die zeitweise in Widerspruch stehen können. Zu Beginn des Jahres 1914wich z. B. der Privatdiskont auf 3%, während Preußen seinen Anleihebedarf mit4y 2 % befriedigen mußte. Jedoch stehen Geldmarkt und Kapitalmarkt in Verbindung.Reiche Zinsen- und Dividendenbezüge, wie sie z. B. Frankreich auf Grund festerKapitalanlagen empfängt, bedeuten Ansprüche auf das flüssige Kapital der schuld-nerischen Länder und drücken die französischen Diskontsätze herab. Denn siewerden von den französischen Kapitalisten nur teilweise aufgezehrt, im übrigenwieder ausgeliehen, zunächst auf dem Geldmarkt, bis sie dauernde Anlage auf demKapitalmarkt finden. Andererseits wirken große Umsätze des Kapitalmarktes ver-knappend auf den Geldmarkt, da wenigstens die Spitzen der Effektenkäufe mitGeldkapital zu begleichen sind. Aehnlich wirken Einzahlungen auf neue Anleihen;denn sie .bedeuten Ansprüche des Schuldners auf das Geldkapital des Gläubigers.

Endlich besteht die Möglichkeit, Kapitalien vom Geldmarkt zum Kapital-markt hinüberzulegen und umgekehrt. Kein Kapital ist ewig; alles Kapital unter-liegt einem steten Erneuerungsprozeß. Dabei steht es in menschlicher Willkürzwar nicht in einer bewußten, sondern in der privatwirtschaftlichen Wirtschafts-ordnung durch den Zinsfuß bestimmten an Stelle des festen Kapitals flüssigeszu reproduzieren und umgekehrt 2 ). Es wird dies der Fall sein, wenn ein Mißver-hältnis zwischen festem und flüssigem Kapital eingetreten ist, das sich in Zinsfuß-verschiebungen äußert. Normalerweise ist der Effektenzinsfuß, weil Zins für länger-fristige Anlage, höher als der Diskontsatz. Sinkt er unter den Diskont, so ist diesein Zeichen von Ueberinvestierung und Geldmarktverknappung. Die Effekten-besitzer verkaufen Effekten, drücken die Effektenkurse es wird weniger in-vestiert. Man kauft statt Effekten Diskonte: die Diskontsätze sinken. Es bedeutetdies nichts anderes, als daß das Gebiet des Anlagekapitals sich verengt, das desWarenkapitals sich erweitert.

Bei all diesen Erwägungen vergesse man nicht: Der Kredit-schafft nicht Ka-pital, sondern bewirkt nur seine zweckmäßige Neuverteilung. Die Steigerung unsererdeutschen Diskontsätze, wie wir sie neuerdings erlebt haben, beruht schließlich aufKapitalmangel gegenüber starkem Kapitalbegehr, auf volkswirtschaftlicher Ausdeh-nung. Sie beruht auf der hohen Rentabilität des in der deutschen Industrie angelegtenKapitals, auf Deutschlands kommerziellem wie technischem Wollen und Können;sie weist damit auf geistesgeschichtliche Unterlagen zurück. Kein Grund, überhohe Diskontsätze zu klagen. Das letzte Mittel, hohe Diskontsätze zu bekämpfen,ist wenn nicht volkswirtschaftlicher Abbau so die Bildung neuer Kapitaliendurch Einkommensüberschüsse infolge von Mehrproduktion oder Verbrauchs- (Luxus-)

*) Zeitschrift für handelswissenschaftl. Forschung. Bd. III. S. 234: interessante graphischeDarstellung.

2 ) Smart, The distribution of income. London, Macmillan, 1899. S.50.