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Bankgeschäfte.
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beschränkung. Bis dahin sind hohe Diskontsätze unentbehrlich, um die Unter-nehmungslust auf die durch die vorhandenen Kapitalien gegebenen Grenzen herab-zusetzen. Durch Schaffung formaler Zahlkraft, etwa Notenausgabe gegen Dis-kontierung von Leerwechseln oder durch Vermehrung bankmäßiger Zahlungs-mittel wird kein Kapital geschaffen. Soweit die formale Zahlkraft von heute nichtdie reale Zahlkraft von morgen glücklich vorwegnimmt, werden inflationistischeWirkungen ausgelöst. Unter schweren Verschiebungen in der Einkommens^ undVermögensverteilung kann der Nominalpreis der Sachgüter, nicht aber ihre Mengeund ihre internationale Verwertbarkeit gesteigert werden 1 ). Nur vorübergehendkann der Diskontsatz sinken; aber „eine Entwertung des Geldes wirkt, sobald sievollendete Tatsache geworden ist, in keiner Weise auf den Zinsfuß" 2 ).
Die Macht der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse, die Ohnmacht mensch-licher Willkür gegenüber dem Diskontsatz bekannte Havenstein im Reichstagmit folgenden Worten: „Nicht die Politik einer Notenbank schafft den Diskont, son-dern der Bankdiskont ist wesentlich bestimmt von den wirtschaftlichen Verhält-nissen eines Landes, er ist entscheidend abhängig von den Kapital- und Kreditver-hältnissen desselben. Die Zentralnotenbank kann deshalb mit ihrem Zins- undDiskontsatz im allgemeinen dem Zinssatz des Geldmarktes nur folgen, sie kann ihnkonstatieren, aber nicht schaffen, und nur unter Umständen und innerhalbmaßvoller Grenzen kann sie ihn beeinflussen."
Dieser sonnenklare Tatbestand wird durch „metallische Vorurteile" verwirrt,die als psychologischer Restbestand vergangener Tatsachen fortleben.
1. Einfluß von Seiten der Zahlungsmittel auf den Diskontsatz. Dieser äußertsich zunächst in der Richtung, daß die gesteigerte Nachfrage nach Umlaufsmitteln zurNachfrage nach solchen Forderungen führt, die zu Zahlungszwecken benutzt werdenkönnen. Hierzu gehören insbesondere die Wechsel; daher steigende Diskontsätzeetwa an dem Quartalsende. Aber die Möglichkeit, solche Kredittitel in Geldsurrogatezu verwandeln, beruht auf dem Vertrauen, daß im Notfalle Währungsgeld für siezu erlangen ist. Schwankt dieses Vertrauen, so werden jene Forderungen als bank-mäßige Zahlungsmittel unbrauchbar. Die Zirkulation saugt nunmehr die vorhandenenBarmittel auf. Die Geschäftswelt sucht sich auf dem Kreditwege Währungsgeldzu beschaffen. Aber dieses Währungsgeld, das in solchen Notfällen einsetzt, istheute normalerweise die Banknote. Die Zentralnotenbank hat es in der Hand,derartige Diskontsteigerungen durch Ausgabe von Banknoten in maßvollen Grenzenzu halten. Nur vermittelst der den Notenbanken auferlegten Decküngsvorschriftenkann die Höhe der Gold reserve in solchen Fällen einen Einfluß auf den Dis-kontsatz äußern — weniger in Frankreich, mehr in Deutschland, am meisten inEngland, wo die Veränderung der Bankrate, nicht des Privatsatzes, überwiegenddurch Goldbewegungen veranlaßt wird. — In den Vereinigten Staaten wirktenClearinghouse-Zertifikate in solchen Kreditkrisen ähnlich unserer Banknote.
2. Einfluß des Edelmetalls auf den Diskontsatz: Solange das Edelmetalldasjenige Tauschgut war, welches sich im Tauschverkehr zwischen Ware und Wareeinschob, mußte — im frühkapitalistischen System — die Versorgung mit Edel-metall einen bedeutenden Einfluß auf den Diskont ausüben. Man diskontierte Wechselvor allem zwecks Beschaffung von Edelmetall; den Ueberschuß von letzterem legteman in die Banken, die es zu Diskont von Wechseln verwandten. Damals galt derSatz Sombarts: „In dem Maße, wie die metallne Basis verbreitert wird, ver-größert sich der Kreditbau" 3 ). Heute werden Waren gegen Waren durch Ver-
x ) W. L e x i s , Die Erneuerung des Privilegiums der Reichsbank (Bankarchiv VI. 1906/07.S. 309/311). K- W i c k s e 11, Geldzins und Güterpreise. Jena 1898. S. 81, 86 und passim.Nasse, Zeitschrift für die ges. Staatswissensch. Bd. XXI. S. 146.
a ) J. St. M i 11, Grundsätze der politischen Oekonomie. 4. deutsche Ausgabe. Bd. II.S. 329 ff. Leipzig 1881.
a ) Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Bd. 113. S. 124.