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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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80
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80 G. v. S c h u 1 z e-G a e v e r n i t z, Die deutsche Kreditbank. II

mittlung von bankmäßigen Zahlungsmethoden getauscht, und tinter diesen Warenist das Gold eine neben andern wertvoll aus historischen Gründen (Englands Goldwährung). Wer Wechsel diskontiert, erwartet Girogutschrift oder Banknoten,nieht Gold oder Getreide. Zwar ist noch heute Edelmetall die liquideste aller Waren,aber der Edelmetallmarkt ist nicht breit genug, um den Geldmarkt maßgeblich zubeeinflussen, wie es die tatsächliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte bekundet.In dieser Hinsicht verweise ich auf die einleuchtenden Ausführungen Helfferichs:Der Diskontsatz hatte seit den siebziger Jahren bis 1895 eine sinkende, seit Herbst1895 eine steigende Tendenz, letztere ausgehend von Deutschland, übergehend nachEngland, zuletzt auf Frankreich. Deutschland war an der Diskontsteigerungbesonders beteiligt. Diese Entwicklung stand außer jedem Zusammenhang mit denVorgängen der Edelmetallproduktion. Die niedrigsten Diskontsätze hatte Deutsch-land in den Jahren 188488: Der Privatdiskont stand Februar 1886 auf lVs%.der Reichsbanksatz vom 20. Februar bis 18. Oktober 1886 und vom 11. Mai 1887 bisSeptember 1888 auf 3% in Zeiten geringer Goldproduktion! Die Goldgewinnungder Erde stieg von 1895 bis 1902 bei steigenden Diskontsätzen. Auch dieGoldeinfuhr wie die Goldprägung Deutschlands war ohne jeden Einfluß auf unsereDiskontsätze. Die Edelmetallmenge spielt gegenüber der Größe des Geldmarktseine geringe Rolle. Die Goldzufuhr Deutschlands in einem ganzen Jahre ist oftgeringer als die Notenausgabe der Reichsbank in einer Woche von den ungeheurenUmsätzen über Reichsbankgiro und dem riesigen Wechselumlauf (1907 fast 8 Mil-liarden Mk.) ganz zu schweigen 1 ).

Aber in politischen oder wirtschaftlichen Krisen beargwöhnt die Geschäfts-welt die papiernen Erscheinungsformen des. Kapitals, sie befürchtet, daß ihnenkeine oder wenigstens keine flüssigen Kapitalien entsprechen: Anachronistischgesinnt, greift der Verkehr zum Edelmetall zurück. Man diskontiert wieder, wiedereinst, Wechsel zwecks Edelmetallbeschaffung. Hiergegen suchen sich die Bankendurch Diskonterhöhung zu schützen, wenigstens so lange, als der Gläubiger eingesetzlicher Rest der Vergangenheit Edelmetall zu fordern berechtigt ist. DerDiskontsatz kann dann wegen Edelmetallmangels sehr hoch steigen, gleichvielob Kapital Anlage- oder Warenkapital reichlich oder knapp vorhanden ist 2 ).Diskonterhöhung greift dann von Land zu Land, so von den Vereinigten Staaten nach Deutschland Herbst 1907. Durch Ausgabe eines autoritären Zeichengeldes Banknoten, Clearinghouse-Zertifikate unter Aufhebung der Einlösungsvor-schriften ist solcher Panik auf nationalem Markte, wie wir sahen, zu steuern.Aber im Verkehr von Volk zu Volk gelten keine derartigen Autoritäten. DieBanknote ist nur ein nationales Zahlungsmittel. Edelmetall dagegen ist Kriegs-schatz ! So bleibt der Kampf der Zentralbanken um das gelbe Metall ein pol i-t i s c h e r Kampf, bis wir Weltgeld und ewigen Frieden griechische Kaienden!erreicht haben. Von hier aus übt nicht etwa die Edelmetallmenge schlechthin,noch weniger die Edelmetallproduktion, wohl aber die Hortbildung derZentralbanken mehr oder minder starke Einflüsse auf den Diskontsatzaus. Wenn sich in dem einen Jahre 1913 der Goldbestand der europäischenZentralnotenbanken um 1,2 Milliarden Mk. vermehrte, so konnte das nicht ohne Wir-kung auf die Diskontsätze bleiben. Die Frage ist nur: Wird das gelbe Metall einmalauch aus diesem letzten Schlupfwinkel seiner Vormacht verdrängt werden einesHerrenrechts, das es von den Nibelungen geerbt hat?

3. Werturteil: Je weiter der Diskontmarkt sich ausdehnt, um so mehr entziehter sich der Herrschaft der Zentralnotenbank. Der Bank von England sinddieZügel entglitten". Aber aus wirtschafts- wie nationalpolitischen Gründen könnenwir auf eine zielbewußte Diskontpolitik nicht verzichten, obgleich wir ihre in der

*) K. Helfferich , Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Bd. 110, S. 43 ff. sowieDerselbe, Studien über Geld- und Bankwesen. Berlin 1900. S. 242 ff.

*) K- Marx, Das Kapital. III. Bd. 2. Teil. 2. Aufl. S. 53/54. Hamburg 1904.