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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
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100 G. v. S c h u 1 z e-G aevemitz, Die deutsche Kreditbank. II

kanischen Umfängen zuwuchsen. Unsere großen Schiffahrtsgesellschaften diegrößten der Welt unsere großen Hüttenwerke die größten Europas warennicht aufzubauen ohne das Lombard- und Reportgeschäft unserer Banken. Alt-eingewurzelte Vorurteile bekämpfend, erklärt Dr. Göppert, der langjährige Staats-kommissär der Berliner Börse 1 ):Bei uns sieht sich die Börse immer wieder, viel-leicht häufiger oder wenigstens andauernder als in anderen Ländern, genötigt, sichgegen mißverständliche Auffassungen und gegen Angriffe zu verteidigen. Das liegtnicht daran, daß bei uns die Verhältnisse etwa besonders unsolide sind. Im Gegen-teil ist die Qualität unserer Hauptspekulationspapiere im großen und ganzenbesser als in London und New York und neuerlich wenigstens auch besser als inParis . Aber die wirtschaftliche Bedeutung der Spekulation in Wertpapieren, nament-lich für unsere industrielle Entwicklung, ist bei uns bisher noch nicht in das Volks-bewußtsein eingedrungen" Deutschlands industrielle Entwicklung beruht

zu einem nicht geringen Teile auf der Teilnahme des Publikums am Wertpapier-handel. Unsere Eisenbahnen sind zunächst mit starker Unterstützung der Speku-lation gebaut worden. Und was der Verzicht auf die Beihilfe der Spekulation beider Aufbringung so mächtiger Kapitalien bedeutet, das zeigen die in den letztenJahren am Markte der Staatsanleihen herrschenden Zustände recht deutlich."

3.Börsenherrschaft der Banken?" Im Verhältnis zur Börsebedeutet die Effektenreportierung zunächst zwar eine gewisse Sicherung des Spe-kulanten gegenüber dem Geldgeber. Während die Bank durch rigorose Anwendungder Nachschußverpflichtung dem mit Kredit spekulierenden Kassaspekulantendie Kehle zuschnüren kann, stellt das Termingeschäft die Spekulation insofernunabhängiger, als der Spekulant stets das eingegangene Geschäft durch das ent-gegengesetzte realisieren kann, also nur die Kursdifferenz riskiert. Fast jedes Kassa-papier hat seinen Patron, der seinen Kurs beherrscht. Der Wertpapierhandel ander Börse ist unter die Großbanken aufgeteilt mit Ausnahme der großen Termin-papiere, deren Kursbildung sichunabhängiger" vollzieht.

Trotzdem können auch auf dem Terminmarkte die Banken als Reportgeberin weitgehendstem Maße einwirken. Es ist vielleicht zu viel gesagt, von einerBörsen-herrschaft" der Großbanken zu sprechen. Aber ihr Einfluß ist weitreichend.Früher wollten die Banken als Reportgeber lediglich Zins verdienen; heute treibendie Großbanken, in deren Händen sich die Reportkapitalien immer mehr sammeln,mittelst der Festsetzung der Reportbedingungen bewußteReportpolitik" 2 ). Dergroße und unabhängige Spekulant von ehedem ist gegenüber den größeren Geld-mächten der Bankwelt zurückgegangen; eher gehalten hat sich der kleine, oft pro-letarische Spekulant, welcher von der Hand in den Mund lebt,mitläuft", und dievon den Banken ausgegebenen Tendenzen statt abschwächt, eher noch verstärkt.

Der Börseneinfluß der Banken wendet sich vor allem gegen die Baisse:ist doch die Bankwelt, schon als Emittentin, optimistisch gestimmt. Damit wirddie wichtige Funktion der Baissespekulation geschwächt, welche die Gefahr unge-sunder Hochkonjunktur mildert, den Geldmarkt in Tagen äußerster Anspannung er-leichtert und dem Publikum vielfach wenn auch zu weichenden Kursen über-haupt zu verkaufen ermöglicht 3 ). Zwar mögen bei den Banken selbst gelegentlicheBaissestimmungen wirksam werden Absichten, abzubauen, für kommende Kompli-kationen Mittel bereit zu stellen, an steigendem Zins zu verdienen; sie mögen unterUmständen die Beleihung bestimmter Papiere verweigern, um ungesunder Kurs-

*) G. Göppert, Das Börsentermingeschäft in Wertpapieren. Berlin , Springer, 1914.

*) Prion, Die Preisbildung an der Wertpapierbörse. Leipzig 1910. S. 39 ff. S t ü n z n e r,Banken und Wertpapierbörse. Altenburg 1911. (Freiburger Seminararbeit.) Ferner:Wiekann die Börse mehr der Allgemeinheit dienstbar gemacht werden?" Von einemPraktiker"in Schmollers Jahrb. 1907. Posch 1, Däs Reportgeschäft an der Wiener Börse (BankarchivIV. Jahrg. S. 75/76).

3 ) O. Michaelis, Volkswirtschaftliche Schriften, II. S. 102. Berlin 1873.