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G. v. Schulz e-Gaevernitz, Die deutsche Kreditbank.
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zu schätzen sind. Indem sie oft genug in den stillen Reserven der Bank verschwinden,werden sie nicht selten durch Emissionsverluste an anderer Stelle aufgewogen, dieebensowenig bilanzkundig werden. Ferner fehlt in jeder Emissionsstatistik die großeSumme der im Auslande von Deutschen gekauften und lagernden Werte, welche derdeutschen Emissionssumme zuzuzählen wären, um zur tatsächlichen Kapitalan-lage zu gelangen 1 ). Nach Sehr roher Schätzung wird etwa x / 3 des jährlichen Ver-mögenszuwachses Deutschlands in Effektenform angelegt (4 Milliarden Mark).
Dagegen offenbart die Emissionsstatistik diestaatssozialistischeundindustrialistische Färbung der deutschenVolkswirtschaftauf das deutlichste. In Deutschland wurde der Staatskredit sehr frühe in Schuld-verschreibungen auf den Inhaber gegossen; heute steht Deutschland an der Spitzealler Nationen in der Ausdehnung des staatlichen Unternehmens — das preußischeEisenbahnsystem ist das größte Erwerbsunternehmen der Welt. Deutschland be-sitzt das technisch vollendetste Hypothekenrecht; der Pfandbrief — eine deutscheErfindung — mobilisiert, wie nirgends sonpt, den Grund und Boden: einst des Ritter-guts, heute der Großstadt! Daher überwiegen in Deutschland die festverzinslichenWerte, auf angelsächsischem Boden dagegen die Dividendenpapiere. Innerhalbder letzteren zeigen für Deutschland die heimischen Industrieaktien eine jäheZunahme, während die Auslandsanlage, besonders die ausländischen Dividenden-papiere, eine geringere Rolle spielen. Hat die englische Industrie ihre Welt-herrschaft in der Form des Privatunternehmens angetreten (erst 1856 wurde dielimited liability eingeführt), so brachte in Deutschland die Gründerzeit der siebzigerJahre die Vorherrschaft der Aktienform in der Industrie. Preußen besaß 18742,27 Milliarden Taler Aktienkapital, davon 1,28 Milliarden seit 1870 2 ). Deutsch-land besitzt weniger Riesenvermögen als England, dagegen entwickelte sich dieneudeutsche Industrie vermittelst der Aktie sprunghaft. Die Neueinrichtung einerHüttenzeche erfordert an 50 Millionen Mark; die A. E.-G. hatte für die Schnell-bahn Gesundbrunnen—-Neukölln für 3 Baujahre 90 Millionen Mark aufzubringen.Effektenform war hier unentbehrlich.
Die Emissionsstatistik bietet ferner interessante Einblicke in die Konjunktur-schwankungen, indem bei aufsteigender Konjunktur die Aktien, bei absteigenderdie festverzinslichen Werte überwiegen.
Folgende Ziffern beleuchten den Unterschied des im Inlande tätigen deutschenIndustriestaates gegenüber dem mehr rentnerischen Westeuropa. Sie betreffen dieEmissionen nach dem Deutschen Oekonomist, dem Londoner Economist und demEconomiste europeen.
I. Inländische Werte.
Kurswerte in Millionen Mark1909 1910 1911
Deutschland mit Kolonien 3 241,53 2 476,67 2 248,70
England mit Kolonien 1 906,167 3 114,56 1 859,25
Frankreich 1 438,0 708,0 651,2
II. Ausländische Werte.
Kurswerte in Millionen Mark (in Klammern die Prozentzahlen der ausländ. Werte im Verhältnis
der gesamten Emissionen).
1909 1910 1911
Deutschland 348,76 (9,7%) 545,64 (18%) 459,87 (16,9%)
England 1813,910(48,8%) 2 341,195 (42,9%) 2 052,621 (52,4%)
Frankreich 2 007,2 (58,2%) 3 780,8 (84,2%) 3 107,6 (82,7%)
Für die Zunahme des Effektenkapitalismus in Deutschland und seine Ver-
x ) M.Marx, Die Emissionsstatistik in Deutschland und einigen ausländischen Staaten(Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, 37. Jahrg., herausgegeben v.Schmoller 1913. S. 1703).
2 ) W. Oechelhäuser , Die Nachteile des Aktienwesens und die Reform der Aktien-gesetzgebung. Berlin, J. Springer, 1878. S. 23 ff.