112 G. v. S c h u 1 z e-G a e v e r n i t z, Die deutsche Kreditbank. II
„Rat" erteilen, d. h. „auf dem Rücken des Publikums" spekulieren. Mit Vorliebebedienen sie sich des Prämiengeschäfts in der Absicht, unter allen Umständen diePrämie zu verdienen und etwaige Gewinne des Kunden nicht auszubezahlen. DasTreiben dieser Menschenfreunde ist um so gefährlicher, als ihre Schlepper nichtselten Provisionen nach der Höhe der abandonnierten Prämie beziehen (1), also vomVerlust der Kunden leben 1 ). Gegen solche „Bankiers" geht die Berufsorganisationdes Bankgewerbes, zu selten auch die Staatsanwaltschaft vor. Beide sind ohn-mächtig ohne eine sachkundige und unabhängige Fachpresse.
Obwohl unsere besseren Kreditbanken über solche Machenschaften erhabensind, so verrät doch keine Bilanz, ob und zu welchen Beträgen in Effekten spekuliertworden ist, wenn nur die Bestände bis zum Abschluß der Bilanz wieder abgestoßenwaren. Die neueren Zweimonatsbilanzen erschweren solche Mißbräuche, mehr noch tutes eine gründliche interne Prüfung der Bücher seitens der dazu berufenen Revisions-instanzen. Mit großen Effektenumsätzen auf eigene Rechnung droht stets die Ge-fahr, der so manche Kreditbank — schon der Credit mobilier! — unterlegen ist.Amerikanische Beispiele warnen! Dort handelt es sich nicht selten um folgendenVerlauf: Gründung eines volkswirtschaftlich zwecklosen Unternehmens durch dieBank oder ihre Hintermänner zwecks Gründungsgewinns, Ueberzahlung der Ein-bringungen, Verwässerung des Aktienkapitals, Kurstreiberei, Abstoßung der Aktienan das Publikum zu höchsten Kursen, darauf Blankoverkäufe durch die Bank, sodannAlarmnachrichten, Kurssturz, Rückkauf zu niedersten Kursen, endlich „Sanierung"des Unternehmens und Wiederholung dieses Spiels der Katze mit der Maus. Gegensolche Auswüchse schützt unsere besseren Banken zurzeit die Sorge für ihren Emis-sionskredit und die kollegiale Verfassung, zum Teil auch die Zweimonatsbilanz,soweit sie den Effektenbesitz genügend detailliert, schließlich die Zensur der Reichs-bank und der Börsenzulassungsstelle. Alle diese Instanzen wären machtlos ohne jenesMaß von „Korrektheit", das unsere Geschäftswelt von einer durch Weltanschauungdisziplinierten Vorzeit ererbt hat. Würden jemals unsere Kreditbanken Sp e-kulationsgesellschaften großen Stils werden, so wäre damit nichtnur ihr eigener Niedergang, sondern auch der Verfall der deut-schen Volkswirtschaft besiegelt. Sie trügen den Todeskeim in sich, gegenden kein gesetzgeberisches Kraut gewachsen wäre.
Ein minderer Mißbrauch, aber immerhin ein Mißbrauch, hinter welchem dieGefa hr der Veruntreuung und Bücherfälschung lauert, ist die Spekulation der Bank-angestellten. Die Vereinigung deutscher Bank- und Maklerfirmen hat ihreMitglieder verpflichtet, fremden Bankangestellten keine Börsenspekulations-geschäfte zu vermitteln. Der Bankbeamte spekuliere wenigstens nur durch dieeigene Bank — damit sie seine Verhältnisse und Verpflichtungen übersehen undGeschäfte in „spekulativen" Papieren ablehnen kann. Diese Bestimmung, auf derenNichtbefolgung sofortige Entlassung steht, ist in großen Städten freilich schwerdurchführbar.
Aber — die gefährlicheren Spekulationen der Bankdirektoren? Nichtzu verhindern ist es, daß diese „Wissenden" ihre bessere Kenntnis künftiger Di-videnden kontrollierter Industriewerke, bevorstehender Fusionen, Sanierungen usw.spekulativ ausnutzen. Aber gerade hier liegt der Punkt nahe, wo das Interessedes „Instituts" — unbehindert durch irgendwelchen äußerlichen Kontrollapparat —vom persönlichen Interesse gebeugt wird. Bankdirektoren sind Treuhänder des„Geschäfts", welches das Eintagsinteresse der Person um Jahrzehnte überdauert.Besser wäre es, diese Herren enthielten sich aller Eigenspekulation, da das „Institut",an welches sie durch erheblichen Aktienbesitz geknüpft sein sollten, ihre ganze Kraftin Anspruch nehmen müßte. Es ist die Frage, wie weit die Gesetzgebung diese „bank-moralischen" Forderungen durch Gesetzesparagraphen verstärken könnte —• aber
*) Plutus v. 10. Dez. 1910. Sowie Nußbaum, Unlautere Geschäftsformen im Bankier-gewerbe. Sonderabdruck aus: „Die Bank" (1910. I. S. 412 u. 508).