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G. v. S c h u 1 z e-G a e v e r n i t z, Die deutsche Kreditbank-
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wesen. Auch die schlimmsten Auswüchse des Kuxenmarktes gehen auf privateGründer zurück, wogegen manche Banken zur Vorsicht im Ankauf von Kuxen mahnten 1 ). Die Finanzierungsgesellschaft, so berechtigt sie auf Spezialgebietensein mag, ist ebenfalls ein kaum erwünschterer Gründer als die Kreditbank.
Trotz aller Mißgriffe im einzelnen ist das deutsche Emissionswesen in der Handunserer auf die Dauer berechneten, der Oeffentlichkeit nicht ganz unzugänglichenGroßbanken immer noch am besten aufgehoben. Die Sorge für den Emissions-kredit ist der beste Schutz gegen die Auswüchse und Gefahren des Emissionswesens.Ungeachtet zusammengebrochener Kurse und verfehlter Emissionen stehen die Preiseder deutschen Börsenwerte im großen und ganzen erheblich über ihren erstenKursen. Ein solcher Kursvergleich — mit Vorsicht anzustellen hinsichtlich derVergleichszeiten! — liefert den Beleg für die durchschnittliche Ge-sundheit unseres deutschen Emissionswesens. Denn diedurch Banken und Spekulanten künstlich gehaltenen Kurse werden auf die Dauerdoch vom „inneren Wert" der Papiere beherrscht. Die allgemeine Kurserhöhungüber die Anfangskurse hinaus bedeutet eine „Vermehrung desBeichtums der Nation",die nicht nur Spekulanten, sondern auch Sparern zugute kommt 2 ).
Gewisse oft wiederholte Vorwürfe sind zudem tatsächlich unbegründet. Estrifft nicht zu, daß die Depositen unserer Kreditbanken in Konsortialgeschäftenfestgelegt werden. Ende 1908 belief sich der Gesamtbetrag der Effekten, Hypo-theken und Konsortialb eteiligungen bei den 143 Kreditbanken mit mindestenseiner Million Mk. Kapital nur auf etwas mehr als ein Drittel des eigenen Vermögens 3 ).Ferner ist es nicht richtig, daß die Bankwelt durch das Emissionsgeschäft den „Rahmvon der Volkswirtschaft abschöpfte", und daß dieses Geschäft mehr als andere Bank-geschäfte „in plutokratischer Richtung wirkte". Die Emissionsgewinne sind in ein-zelnen Fällen hoch — dort nicht zu Unrecht, wo ein stagnierendes Unternehmenoder ein überseeisches Wagnis durch Bankbefruchtung erst in Flor kommt —, aberhohen Gewinnen stehen große Verluste gegenüber, selbst an den solidesten Emissions-werten, z. B. an deutscher Reichsanleihe und preußischen Konsols. Man hat dieFrage aufgeworfen, ob alles in allem genommen das reguläre Bankgeschäft nichtergiebiger sei als das verlockende Emissionsgeschäft.
Gerade das Ausland hat im Vergleich mit seinen eigenen Zuständen gewißam wenigsten ein Recht, die Gesundheit des deutschen Emissionswesens in seinerGesamtheit anzuzweifeln.
Die altberühmten englischen Depositenbanken hüten sich zwar in Rück-sicht auf ihr „standing" vor einer unmittelbaren Verquickung mit dem Emissions-wesen 4 ). Es gilt dies selbst von den Londoner Filialen der deutschen Großbanken,welche im Hinblick auf ihr Akzept sich der englischen Gewohnheit angepaßt haben.Dagegen stellen dieselben Depositenbanken ihre Gelder durch Effektenbeleihungüberwiegend der Börse zur Verfügung; die Aufnahmefähigkeit der Londoner Börsefür Neuemissionen aller Art beruht darauf, daß hinter den Effektenhändlern dasriesige Depositenkapital der Nation steht. Dabei befindet sich die Leitung des Emis-sionswesens nicht in den Händen der Banken, sondern besonderer Emissionsfirmen.
x ) Ad. Weber, Die Rheinisch-Westfälischen Provinzialbanken und die Krisis (Ver.f. Sozialpolitik, Bd. 110, S. 340). O. Lindenberg, 50 Jahre Geschichte einer Speku-lationsbank, Berlin 1903. S. 25 ff. und passim. Derselbe, Die Gefahren im deutschenBankwesen, Berlin 1901. S. 138 ff. 194. F. H e c h t, Die Katastrophe der Leipziger Bank(Ver. f. Sozialpolitik, Bd. 110, S. 373 ff.).
s ) R. Eberstadt, Der deutsche Kapitalmarkt. Leipzig 1901. S. 26 ff., besondersdie Tabellen.
3 ) Bankenquete 1908/09. Die Verhandlungen der Gesamtkommission zu Punkt VI desFragebogens (Depositenwesen). Berlin 1910, S. 200. Verhandl. des III. Allgemeinen deutschenBankiertages, Hamburg den 5. und 6. Sept. 1907. Rede des Geh. Oberfinanzrat Müller.S. 106 ff.
*) E. Jaff6, Das englische Bankwesen. (Schmollers Forsch. 23. Bd. 4 H.) Leipzig ,Duncker und Humblot. 1904, passim. 2. Aufl. 1910.