II
Bankgeschäfte.
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Die Emission auswärtiger Anleihen, heimischer und ausländischer Eisenbahnpapiere,größerer hauptstädtischer Gründungen usw. wird durch besondere, z. T. hochan-gesehene Finanzfirmen besorgt. Die Rothschild, Cassel, Speyer erfreuen sich desweltbekannten Glanzes ihrer Namen. Immerhin ermangeln auch diese ersten Häuserjenes Kreises starker Konsorten, der in Deutschland gemeinsam die Emissionswertevertreibt. Die englischen „Underwriters", nicht zu verwechseln mit den deutschen Konsorten, sind zwar für die nichtverkauften Stücke nach ihrer Beteiligungsquotehaftbar, aber sie unterbieten sich gegenseitig und pflegen schon vor der Zeichnungoft mit erheblichem „discount" die Papiere weiter zu verkaufen 1 ). Auch hier hatDeutschland die disziplinierte Zusammenarbeit, England den regellosen Mitbewerb-
Derartige Mängel des englischen Systems fallen um so mehr in das Gewicht, jemehr wir in das breite Reich der kleineren und mittleren Finanzwelt herabsteigen.Hier herrscht der Eintags-Gründer (promoter). Sein Interesse erlischt mit glück-lichem Ausverkauf der Werte. Oft sind diese Gründungen durch übergroße Gründer-gewinne von vornherein so sehr belastet, daß eine gedeihliche Weiterentwicklungausgeschlossen ist. Jedenfalls ermangeln solche Unternehmungen eines dauerndenRückhaltes, wie ihn die patronisierende deutsche Großbank ihren Schöpfungengewährleistet. Mancher boom, der dem Publikum ungeheure Verluste gebrachthat, wäre gezügelt worden, wenn der Emissionskredit mächtiger Bankhäuser inFrage gekommen wäre. Wir selbst sind von solchen „booms" im wesentlichen ver-schont geblieben. Ferner: das Interesse der englischen Börsenwelt ist mehr denschwankenden überseeischen Werten als der heimischen Industrie zugewendet.Wie die englische Industrie ohne Bankhilfe geboren wurde, so wird laufender Bank-kredit von den englischen Industriellen auch heute noch als etwas Außergewöhnlichesangesehen. Industrielle Emissionen sind vernachlässigt. Die englische Volkswirt-schaft ist heute — trotz oder gerade wegen des konservativen Charakters der De-positenbanken — börsennäher und spekulativer als die deutsche ; die deutsche Volks-wirtschaft — trotz oder gerade wegen unseres gemischten Banksystems — ist in-dustrienäher und produktiver als die englische. Einst lag der wirtschaftliche Schwer-punkt Englands in Manchester : Typus der Cottonlord nordenglischer Abstammung,quäkerischer Gesichtszüge; heute ist die Londoner Börse, in ihr zeitweise der „Kaf-fernzirkus", Kern der britischen Volkswirtschaft: Typus der „Finanzier" deutscher Abstammung, alttestamentlicher Gesichtszüge.
Die in den Vereinigten Staaten bestehende „Arbeitsvereinigung"unterscheidet sich von der deutschen insofern, als es dort wenige Geldmagnatensind — die Morgan, Rockefeller , Carnegie u. a. —, welche das Emissionsgeschäftunmittelbar, die Depositenbanken durch sog. holding companies mittelbar be-herrschen. Das spekulative Interesse überwiegt. Der Emittent lädt seinen Aktien-besitz in vielen Fällen auf Banken, Trustgesellschaften, Versicherungsgesellschaftenusw. ab, welche er mit geringen eigenen Mitteln kontrolliert. Nicht selten wirddie eine Gesellschaft durch die andere ausgeschlachtet. Wenn dann ein Unter-nehmen bestimmt ist, an den ihm aufgeladenen Lasten zusammenzubrechen, sowerden seine Aktien vielfach dem Publikum zugeschoben, dessen Leichtsinn „nichtseines gleichen findet" 2 ). Der Vorzug des deutschen Systems besteht demgegen-über darin, daß bei uns Aktiengroßbanken den nationalen Ersparnissen die Kanälegraben. Sie sind mehr auf die Dauer berechnet, mehr kollegialisch regiert, mehr,der Oeffentlichkeit unterworfen. Als dauernde Industriepatrone pflegen sie dasproduktive Interesse immerhin dem spekulativen voranzustellen, während derYankeevielfach gründet, um in seinen eigenen Gründungen, deren Kurse er beeinflußt, zuspekulieren 3 ).
J Frankfurter Zeitung v. 5. Juni 1913.
2 ) R. Liefmann, Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. Jena 1909. S.207/269.2. Aufl. 1913.
s ) H. Schreiber, Wie schützt sich der Kapitalist vor Verlusten an der Börse ? Bd. 26.Berlin . Patria. S. 38.
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