III
Bankenaufbau.
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gewerbetreibenden nachzugehen; durch sie ist mancher Handwerker zum Fabrikanten emporgehoben worden. Die Depositenkassen derselben Großbank sind öftersin einer Sammelstelle zusammengefaßt, welche die Geschäfte, die in buntem Durch-einander angemeldet werden, in größeren Gruppen vereinigt und so geordnetder Zentrale zuführt; zugleich dient diese Sammelstelle als Kontrollorgan 1 ).
5. Agenturen sind Vertretungen der Bank durch vertrauenswürdige Einzel-persönlichkeiten an kleineren Orten zwecks Depositensammlung — Filialen niedersterOrdnung. Man muß ihnen das Recht verleihen, selbständig zu quittieren; der Agentverpflichtet also die Bank durch seine Unterschrift und kann veruntreuen, un-geachtet seiner Kaution! Trotz solcher Gefahren hat sich insbesondere in Mecklen-burg und Oldenburg, auch im Schwarzwald — agrarischen Gebieten, die Ueberschüsseabgeben — das Agenturwesen ausgebreitet und bewährt.
b) System der Bankenverbündung. Die einfachste Form der dezentralisiertenKonzentration ist 1. die Kommandite, wie sie von der Darmstädter Bank schonum die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgebaut wurde. Die Kommandite be-nutzt den Namen, das Ansehen und die örtlichen Beziehungen eines alteinge-sessenen Kommanditärs. Aber die Kommandite ist an dessen persönliche Schick-sale gebunden; sie ist schwer kontrollierbar, insbesondere bezüglich ungedeckterKredite. In vielen Fällen war die Kommandite die Vorstufe zur Filiale und hat— im Gegensatz zum brutalen Vernichtungskampf in Frankreich — die Zurück-drängung des deutschen Privatbankers in milderen Formen bewerkstelligt.
2. Die wichtigste Form der Bankenverbündung war und ist in Deutschland die Angliederung der Provinzbank, „Konzernbank", an die Großbank, „Zentralbank",zur „Bankengruppe". Im Gegensatz zu England und Frankreich vernichtet dasdeutsche System die Provinzbank nicht, sondern gliedert sie ein, unterstellt sie —bei weitgehender lokaler Selbständigkeit — der Leitung der Großbank. Letztereübt ihren Einfluß, ohne mit der Führung im einzelnen belastet zu sein und ohneihren eigenen, schon sehr umfangreichen Betrieb noch weiter zu vergrößern: „mittel-bare Unternehmerschaft", Noch ist die Geschichte des „Einmarsches der Großbankin die Provinz" ungeschrieben. In den wichtigsten Fällen, Rheinland, Westfalen ,Schlesien war die Deutsche Bank die erste am Platze; die andern Großbanken folgten.Zeiten der Depression pflegen es zu sein, in denen die Provinzbanken Anschlußan die Großbanken suchen. Riesige Kapitalmächte kommen so zustande unterweitestgehender Dezentralisation und mit dem Vorteil, daß die provinziellen De-positen der Provinz erhalten bleiben. Die 9 Berliner Großbanken mit den ihnenangegliederten Instituten verwalteten Ende 1909: 11 276Mill. Mk. (gegen 10 587 Mil-lionen Mk. Ende 1908), damit rund 83% des gesamten deutschen Bankkapitals.Die „Deutsche Bank", welche mit ihren Konzernbanken an 3 Milliarden Mk. ver-waltet, ist neben dem preußischen Eisenbahnfiskus die größte — dabei höchst de-zentralisierte — Kapitalzusammenfassung der alten Welt. Ihr zur Seite tratdie mit Schaaffhausen verschmolzene Diskontogesellschaft. Die Provinzbankenkamen bei dieser Entwicklung nicht zu kurz. Wiederholt war der Zuwachs des be-schäftigten Kapitals bei den Provinzbanken absolut und prozentuell stärker alsbei den Großbanken; so 1906, 1907, 1909. Im letzteren Jahre ergab sich bei den Ber-liner Banken ein Kapitalzuwachs von 519 Mill. Mk., bei den Provinzbanken .von559 Mill. Mk. Gerade die Ausbildung der Bankengruppen hat neuerdings zur Aus-dehnung und Festigung der Provinzbanken geführt 2 ).
Sehr verschiedenartig sind die juristischen Formen, in welche die Bankengruppesich kleidet. Die lockerste Form ist die einer vertragsmäßigen Interessengemeinschaft,etwa mit Teilung des Geschäftsgewinnes. Darüber hinaus geht der Erwerb vonAktien der Provinzbank durch die Zentralbank, auch wohl gegenseitiger Aktien-
9 L. Wiernik', Die Depositenkasse. Berlin 1912. S. 158 ff.
2 ) Deutscher Oekonomist. 1910. S. 513/14. G. Diouritch, L'expansion desBanques allemandes ä l'Etranger. Paris et Berlin 1909. S. 31—41.