144 G. v. S c h u 1 z e-G aevernitz, Die deutsche Kreditbank. III
Eigenschaften bezeichnen den großen Bankenherrscher nicht minder als den großenStaatsmann. Eine besondere Gefahr besteht — wie beim Staate — in mangelnderZusammenarbeit der verschiedenen Ressorts. An leitender Stelle schwindet nurzu leicht der Ueberblick. Die einzelnen Direktionsmitglieder verwalten selbständiggetrennte Gebiete. Solchen Gefahren sucht man durch regelmäßige Zusammen-künfte der Direktoren und durch ein Veto jedes einzelnen Direktors bei den größerenEngagements der Kollegen die Spitze abzubrechen. In allmonatlichen Sitzungendes Aufsichtsrates, zu denen auch die Filialdirektoren beigezogen werden, sucht mandie Politik des Gesamtinstituts festzustellen, wobei der geborene Herrscher sichdurchsetzen wird. Die Riesenbetriebe erreichen zuletzt Grenzen, über die hinausdas menschliche Können zu versagen scheint. Solche Erwägungen sollen mitge-sprochen haben, um die formale Unabhängigkeit Schaaffhausens von der Diskonto-gesellschaft — trotz doppelter Versteuerung der Aktien — zu erhalten.
ß. Bankbeamte. Im Inneren des Betriebes zeigen sich alle Nachteile undGefahren der Bureaukratie. Denn an Stelle des selbständigen und freischaffendenKaufmannes tritt der Beamte. Beamter ist zunächst in den weitaus meistenFällen auch derjenige, den der Titel des „Direktors" schmückt. An Stelle selb-ständigen Nachdenkens tritt damit nur zu leicht das Telephongespräch mit derZentrale, das von der Verantwortung entlastet 1 ). Die Mittelbeamten werden zuRädchen im riesigen Räderwerk und verlieren vielfach jede Einfühlung auf das Ganze:Opfer der Arbeitsteilung. Die Seele trennt sich vom Dienst. Unser Bankwesenleidet damit an jenem Widerspruch, der als schwere Gefahr den ganzen Aufbau desmodernen Kapitalismus durchzieht: Riesenhafte Organisationen mit immer strafferermonarchischer Zuspitzung! Tausende und Abertausende von Angestellten werden zuWerkzeugen einiger wenigen leitenden Köpfe. Dem steht die demokratische Gesinnungder Gehorchenden entgegen, welche Menschenrechte fordert und jeden Einzelnenzum Selbstzweck ausruft. Welche Gefahr der Reibung und des Widerstandes!Gefahr gewerkschaftlicher Kämpfe! Gefahr der stillschweigenden Arbeitsminderungdurch „Kontingentierung" der Arbeitsleistung seitens der Angestellten. Die „B e-amtenfrage" tritt damit, auch rein privatwirtschaftlich betrachtet, in dieReihe der wichtigsten Fragen unserer Bankenorganisationen.
Je weiter die Konzentration unseres Bankwesens fortschreitet, um so not-wendiger wird straffe Disziplin im Inneren der Betriebe: Pünktlichkeit und Prä-zision im kleinen, sittliche Abneigung gegen Halb- und Scheinarbeit, Vertragstreueund Ehrlichkeit auch dort, wo die Kontrolle versagt, restloses Aufgehen des ganzenMenschen in der Verpflichtung gegenüber dem Ganzen 2 ). Solche Eigenschaften be-dingen in wachsendem Maße den Erfolg unserer wirtschaftlichen Arbeit, nicht zuletztauch im Bankwesen. Der ganze Turmbau unseres Hochkapitalismus zerflösse inFlugsand, wenn der typische Wirtschaftsbeamte grundsätzlich betröge. Ein ausSüdamerika zurückkehrender Bankdirektor sagte mir: „Kreolen sind gerissener alswir, aber weil grundsätzliche Betrüger, ungeeignete Bankbeamte." Nur zu leichtvergessen unsere Bankokraten, daß sie in dieser Hinsicht von fremdem Geistes-kapital zehren: Der Privatbeamte in seinem Fleiß, seiner Ehrlichkeit und pflicht-mäßigen Einordnung in ein großes Ganze ist das Ergebnis einer jahr-hundertelangen Schulung des Staatsbeamtentums, dasin überwirtschaftlichem Boden wurzelt — in Staatsgesinnung. Hat man mit diesemKapital immer hausgehalten? Erhebliche Vorarbeit leistet dem Großbetriebe gdfadeauch des Bankwesens das preußisch-deutsche Heerwesen, welches zu disziplinierterMassenarbeit erzieht. Wenn es "nicht schon aus politischen Gründen unentbehrlich
x ) Frankfurter Zeitung v. 22. Februar 1914.
, 2 ) Vgl. Jaroslaw, Ideal und Geschäft. Jena 1912. Wiedenfeld, Das Per-sönliche im Unternehmertum. Leipzig 1911. Fr. W. Fo erster, Staatsbürgerliche Er-ziehung. 2. Aufl. Leipzig und Berlin 1914. Kerschensteiner, Der Begriff derstaatsbürgerlichen Erziehung. 3. Aufl. Leipzig u. Berlin 1914.