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Die deutsche Kreditbank / von Gerhart von Schulze-Gaevernitz
Entstehung
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152
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352 G. v. S c h u lz e -G a e v e r n i t z, Die deutsche Kreditbank. III

(Bielefeld), und selbst die Filiale im schwerindustriellen Düsseldorf weist einenmittel- und kleinbürgerlichen Charakter auf. Das Effektenkommissionsgeschäftführte zu einer Filiale in Berlin , bei verhältnismäßiger Unabhängigkeit von Groß-banken. Anders dagegen die Essener Kreditanstalt im Brennpunkt der schwerenIndustrie. Sie ging von der Effektenspekulation aus und gipfelte im Gründungs-geschäft, für dessen Zwecke sie ihr Aktienkapital 18941900 verdreifachte. Auchheute spielt der Kuxenhandel für sie eine Hauptrolle. Enge Anlehnung an die DeutscheBank sorgt für die Verteilung der Emissionslasten und -gefahren auf die Schulterntragiähiger Konsorten.

Nur allmählich erfolgte die Verflechtung der Berliner Großbankenmit dem deutschen Industriestaate. Einige der industriellen Provinzbanken reiftenzu Großbanken empor, so der Schaaffhausensche Bankverein, die Darmstädterund die Dresdner Bank, unter Verschiebung des Schwergewichts auf die Berliner Filialen. Andererseits gliederte sich die zunächst rein hauptstädtische Deutsche Bankin den 90er Jahren zwecks Gewinnung industrieller Kundschaft große industrielleProvinzbanken an, u. a. den Schlesischen Bankverein. Zögernd folgte die Dis-kontogesellschaft, schließlich ganz großen Stiles durch die Angliederung vonSchaaffhausen. Charakteristisch ist noch heute der niedrige Durchschnittsbetragdes diskontierten Wechsels etwa bei der Dresdner Bank, als der Bank der säch-sischen Textil- und Zuckerindustrie, im Gegensatz zum weit höheren Durchschnittetwa bei der Diskontogesellschaft. Die Berliner Handelsgesellschaft trat in engeVerflechtung mit der elektrischen Industrie Berlins Bank der A. E.-G.! Jemehr der industrielle Schwerpunkt auf die Aktienform und in die schwere Industriesich verlegte, um so wichtiger wurde die Stellung der Großbanken als der leitendenEmittenten industrieller Werte.

Die Emission industrieller Werte bildet heute den Schluß-stein des gewaltigen Gebäudes der Beziehungen zwischen Banken und Industrie,dessen Grundstein das Kontokorrentgeschäft bedeutet. Man kann mit R i e ß e r J )sagen, daß das Risiko des weitaus größten Teiles des in der Industrie angelegtenKapitals für längere oder kürzere Zeit von den Banken als Emittenten getragenwurde. Auf dem Emissionsgeschäft liegt vielfach so sehr der Schwerpunkt, daßdie Bemessung des Kontokorrent-, Wechsel- und Akzeptkredits öfters nach Maß-gabe des Nutzens erfolgt, den der Schuldner dem Konsortialkonto der Bank ver-spricht. Indem die Emissionsbeträge nicht immer sofort abgehoben werden, oftlange Zeit zu niedrigem Zinsfuß stehen bleiben, gewinnen unsere Großemittentenan Kreditoren und Depositen. Unsere Kreditbanken emittieren industrielle Aktien(oder Kuxe), bald seltener in Form einer Neugründung, bald häufiger in der Form der Umgründung, bald in der Form der Emissiort jungerAktien zwecks Erweiterung eines bestehenden Unternehmens. Daneben dehntsich das Gebiet der industriellen Obligation immer weiter aus, z. T.mißbräuchlich unter Ueberwälzung des Unternehmerrisikos auf die Obligationäre.Die Banken geben Industrie-Obligationen zu dem Zeitpunkte mit Vorliebe aus,wenn das Kapitalistenpublikum sich von Dividendenpapieren mit umschlagenderKonjunktur abwendet; sie benutzen also für die Industrie die Mißstimmunggegen die Industrie 2 ).

Man hat öfters die Frage aufgeworfen: Wer hat im industriellen Gründungs-und Emissionsgeschäft heute die Initiative, die Industrie oder die Bank ? Auf dieseFrage ist eine einheitliche Antwort unmöglich. Bald ist es der Industrielle, der sicherweitern und sein Risiko begrenzen will; dann ermöglicht das Emissionsgeschäft

1 ) R i e ß e r. (Vgl. Deutscher Oekonomist 1910. S. 697.) J e i d e 1 s, Das Verhältnisder^ deutschen Großbanken zur Industrie (Schmollers Forschungen Bd. 24), Leipzig 1905.

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2 ) E. M a y r, Kapitalbedarf und Kapitalbeschaffung der Industrie (Bad. Volkswirtschaftl.Abhandl. Bd. 12. Karlsruhe 1910. S. 79).