III
Bankenaufbau.
153
ein vorsichtiges und schrittweises Vorwärtsstreben zu höheren Zielen. Man denkean einen Siemens, Löwe u. a. Stärkste Industrieunternehmungen werden vonden Emittenten umworben und halten sich durch Ausgabe von Obligationen undjungen Aktien vom Bankkredit unabhängig. In anderen Fällen aber ist die Um-wandlung in eine Aktiengesellschaft der Schlußstein eines zähen Kampfes, in demder Industrielle vergeblich um seine Selbständigkeit gerungen hat. Nicht seltenbefindet sich auch die Bank ihrerseits in einer Notlage: Um den gewährten Kreditzu retten, ist sie gezwungen, zur Emission zu schreiten. Schwachen Industriekundengegenüber bestimmt der Emittent mehr oder minder die Emissionsbedingungen;für mittlere Werke hat sich ein Standardsatz derselben herausgebildet. In vielenFällen ist die Bank die regelmäßige Emittentin des betreffenden Unternehmensauf Grund dauernder Interessengemeinschaft. Bei solcher „Interessengemeinschaft"können unsere Banken nicht'selten auch für den Absatz des Industrieerzeugnissessorgen, sei es durch ihre Verbindung mit weiter verarbeitenden Industrien desInlands, sei es durch ausländische Beziehungen.
Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Bank-Industrie-beziehungen läßt sich in das Wort kleiden: Die deutsche Kreditbank hat — im Bünd-nis mit der in der Industrie selbst liegenden Tatkraft — Deutschland industrialisiert.In England war das Passivgeschäft, in Deutschland das Aktivgeschäft das Primäre.Zunächst war in Deutschland wenig Kapital, dagegen viel Kapitalbedürfnis vor-handen, das auf Bankkredit angewiesen war. Um ihre Aktivgeschäfte ausdehnenzu können, gingen unsere Banken zur Pflege des Depositengeschäfts über. Dieenglischen Banken leihen im Buchkredit an die Industrie geringere Summen als diedeutschen. Einen Teil der Geldbeschaffung besorgt in England der Kaufmann.Die englische Industrie übernimmt ihr Material spät und erhält die Zahlung fürihre Fabrikate früh. Die Londoner Effektenbörse ist britischen Industriewertenschwer zugänglich. Die Spinnereien Lancashires verschaffen sich den größten Teil desbenötigten Kapitals durch „loans ", d. h. Depositen von kleinen Kapitalisten undArbeitern ihrer Gegend. Auf der anderen Seite war die Entwicklung wenigerüberstürzt als in den Vereinigten Staaten . So kann von einer Industrieherr-schaft einiger Geldmagnaten bei uns keine Rede sein, wohl aber von „I n-dustrialisierung" unserer Banken, einer Durchtränkung mit industriellemGeiste. In der Tat liegt heute der Schwerpunkt des deutschen Kreditbankwesensin der Finanzierung des deutschen Industriestaates. „II n'est point douteux quesans cette alliance, sans cette union des forces industrielles et des forces financie-res l'empire n'eüt pas realise les merveilles, dont nous avons ete les temoins" 1 ).
Trotz aller zum Teil nicht unberechtigten Kritik ist — in Rücksicht auf dieweltpolitische Aufgabe Deutschlands — die industrielle Tätigkeit unserer Bankenzu bejahen. Wo hätten anderwärts die Gelder herkommen sollen, um ein ärmlichesAgrarland mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Weltwirtschaft zu rücken?Auf schmalem Areal, im Wettbewerb mit Weltreichen eingeengt in Mitteleuropa ,blieb den Deutschen kein anderer Weg zur weltpolitischen Gleichberechtigung, alsder Sprung — Hals über Kopf — in den Industriestaat. Wo immer unsere Bankeneinsetzten, wirkten sie in der Richtung des Großbetriebes, schon im Interessedes Emissionsgeschäfts. So muß z. B. zwecks Einführung an der Berliner Börse das Aktienkapital mindestens eine Million Mk. betragen; daher erfolgte schon ausdiesem Grunde öfters die Zusammenlegung mehrerer mittlerer Unternehmungen(z. B. Brauereien). Andererseits liegen die Gefahren auf der Hand. Unsere Banken,welche vielfach im Aufsichtsrat der Industriewerke vorherrschen, haben ein In-teresse an hohen Dividenden; denn letztere bedeuten hohe Aktienkurse, wasEmissionen, Erweiterungen, Fusionen usw. erleichtert. Es steht dieses Interesseder zielbewußten Kräftesammlung der Industrie durch Reservestellungen und Ab-
1 ) La Chronique industrielle, marit. et colon. v. 6. Jan. 1905.