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Neuerdings wurden die großen Elektrizitätsgesellschaften — unter Verschmelzungmit Konkurrenten und Angliederung weiterer Produktionszweige — zugleich selberFinanzierungsgesellschaften größten Stiles, hinter denen stützend, nicht leitend,ganze Bankgruppen stehen.
c) Leichte Industrien. Ueber unsere heutige Industrialisierung hinaus er-hebt sich eine weitere Aufgabe: die Förderung aller derjenigen stoff ver-feinernden Gewerbe, welche, so verschiedenartig sie auch sein mögen, dochin einem übereinstimmen, daß hier auf dem Felde des „kleineren Großbetriebes"die Persönlichkeit des Unternehmers — öfters eines seif made man —dauernd eine Rolle spielt. In solchen Industrien steigt häufig noch der Arbeiterzum Kleinunternehmer — Pforzhein, Pirmasens —, dieser zum Großunternehmerempor. Aber auch die Großunternehmungen auf diesen Gebieten haben einen mittel-ständischen und höchst persönlichen Charakter, etwa gegenüber Deutsch- Luxem-burg, Gelsenkirchen und der A. E.-G. Vielfach ist unsern Großbanken der Vor-wurf gemacht worden, die Verfeinerungsindustrie vernachlässigt zu haben. Ichführe eine Stimme an für viele (Jahresbericht des Papier- Industrievereins von1913, [d. h. der Weiterverarbeiter von Papier) : „Während der Provinzbankierbisher lebendiges Interesse an seiner Provinzkundschaft nahm und die aus derProvinz bei ihm deponierten Gelder auch wieder im In-teresse der Provinzkundschaft verwendete, ist es den diri-gierenden Großbanken viel zu kleinlich, sich mit den mittleren und kleineren Provinz-banken abzugeben, und die Depositengelder werden von den Großbankenmillionenweise den ganz großen Unternehmungen zurVerfügung gestellt. Gerade dem Mittelstand werden hierdurch Wundengeschlagen, die gar nicht ernst genug zu nehmen sind. Da die Papier verarbeitendeIndustrie aber gerade mit geschäftlichen Unternehmungen des Mittelstandes inder Hauptsache zu arbeiten hat, empfindet sie es besonders unangenehm, daß ihreKundschaft durch die Kreditentziehungen lahmgelegt, wennnicht gar vernichtet wird." Hier liegt das Gebiet jener persönlichen Be-ziehungen, die im Kontokorrentkredit ihren individualisierenden Ausdruckfinden; hier ist auch Neuland für den Privatbanker. Man wird wieder zu niederenWechselsummen, zu Kreditgewährung auf Grund persönlichen Vertrauens zurück-kehren müssen. Die Großbanken werden um so weniger zurückbleiben, je mehrdie Riesenbetriebe unserer Großindustrie einen gewissen Sättigungsgrad erreichenund Betriebsüberschüsse in den Banken aufspeichern, die dem Feingewerbe zu-geführt werden können. Die kleineren Kredite werden zwar weniger „gesehen",sind aber auch heute in ihrer Gesamtheit bei unseren Großbanken sehr erheblich.
d) Kunst und Gewerbe. Die oft erörterte Frage des Bankkredits der leichtenIndustrie umschließt außerordentlich viel Zukunft. In den siebziger Jahren wares das Ziel der Deutschen, in diesen Gewerben gut nachzuahmen, was Paris undLondon vormachten. Unter ausländischer Flagge segelnd, hat Deutschland zu-nächst die mittlere Qualität erobert, die von Frankreich und England mit ihremStempel versehen, nach allen Ländern der Welt ausgeführt Wurde — auch zurücknach Deutschland. Aber über die ausgefahrenen Geleise des Westens hinaus habendie im „Werkbund" vereinigten Industrien den Versuch gemacht, der neuenZeit eine neue Form zu schaffen 1 ). In Deutschland — und in Deutschland allein —zeigen sich Ansätze eines neuen Kunststiles. Die deutsche Bankwelt darf diese Be-wegungen im eigensten Interesse nicht vernachlässigen. Ueber „billig und schlecht",über Kitsch und Schein hinweg winkt hier die Weltmarktstellüng durch das Bündnisvon Künstlern und Gewerblern. Der Herrscher im Gebiete des Geschmacks prägtdie höchsten wirtschaftlichen Werte in oft nahezu wertlosen Stoff. Ein Pariser Hut— ein Schaum, ein Nichts; aber die Rechnung! Erst ein Deutschland, welches
x ) Flugschriften des Deutschen Werkbundes: Fritz Stahl, Deutsche Form. Berlin, Wasmuth.S. 11, 32.