III
Bankenaufbau.
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der Träger des Weltgeschmacks wäre, würde den letzten Gipfelpunkt des Industrie-staates erklimmen! Freilich handelt es sich hier um geistesgeschichtliche Umschich-tungen, um zähe und zielbewußte Kleinarbeit, um breites, unterbewußtes Reifen !).Kulturelle Durchackerung jenes großstädtischen Bodens, der nach Kunst lechzt,weil ihm Natur fehlt! Beispiel die Mannheimer Bewegung 2 ). Bildung von Augeund Hand im Sinne Pestalozzis und der Goetheschen Wanderjahre! Erziehungdes neudeutschen Industrievolkes zum Körpergefühl und zur Schauensfreude.Freudige Lebensbejahung durch den aufsteigenden Neu-Idealismus, welcher dieVersichtbarmachung unserer Kulturwerte fordert — zunächst im menschlichenKörper selbst. Damit Umprägung der Verbrauchsgewohnheiten. Aber auch Festigungdes — heute noch schwankenden —politischen Selbstbewußtseins durchdas geschichtliche Erlebnis! „Erst nachdem Pisa, der alte Nebenbuhler, überwun-den und die See erreicht war, wölbte sich die Kuppel des Brunelleschi und stieg überFlorenz die Sonne des Quattrocento" 3 ).
Solche Dinge liegen unserem Bankwesen nicht so fern, als es scheinen möchte.Denn dessen Träger sind doch nicht nur Rechenmaschinen, sondern auchMenschen. Als Menschen von Fleisch und Blut aber — vom millionenschwerenDirektor hinab bis zum letzten Schreiberlein — gehören sie alle zu jenen armenLeuten, denen Papier und immer wieder Papier die Fülle des Lebens verdeckt;manchem von ihnen deucht das Himmelreich wohl ein ungeheurer Papierkorb, indem alles Papier der Welt einmal verschwindet. Sklaven der Buchbilanz, asphalt-tretende Großstädter! In diesen Kreisen muß als Ersatz für die verlorene Naturder Wille zur Kunst zu elementarem Durchbruch gelangen. Nicht zuerst im Salonder Kommerzienrätin, der Trägerin fremder Mode und der Kundin des Abwaren-händlers. Im werkt ätigen Leben vielmehr regt sich der Wille zur Form. In Waren-häusern (Wertheim ), in großstädtischen Straßendurchbrüchen (Mönkebergstraße),in leichtgeschwungenen Eisenbrücken (Köln ), wie in riesigen Bahnhofshallen(Leipzig), in malerischen Hafenbildern (Hamburg, Mannheim ), auch in Kleinsiede-lungen (Krupp, Goluchowo 4 )) hat das Wesen der neudeutschen Seele bereits einensichtbaren Körper gewonnen. Von der Architektur, und zwar von der Zweck-architektur aus, ergreift der Wille zur Gestaltung das ganze Leben und wird zu-letzt auch dem Schreiberlein zugute kommen. Auf der Münchener Werkbund-ausstellung war die Wohnungseinrichtung des gehobenen Arbeiters, also doch wohldes Angestellten, das gelungenste: zweck- und zeitgemäß. In derartigen Dingen habendie Banken ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Ein großer Teil der deutschenArchitektur wird mittelbar oder unmittelbar von den Banken bestimmt: Fabrik-gebäude, Warenhäuser, Silos usw., aber auch Wohngebäude und Städtebilder. Wobleiben die großstädtischen Thermen und Gartenstädte — Denkmäler letztwilligerGroßzügigkeit unserer Geldfürsten? Den Erben unserer Bankmacht winken hier Auf-gaben und Lorbeeren, an welche die Väter noch nicht einmal denken konnten. Neu-deutsche Bodenpolitik, Stadterweiterung und Landbesiedelung! Die bisherige Boden-politik unserer Großbanken bedeutete nicht nur privatwirtschaftlich den wundestenPunkt unseres Kreditbankwesens; sie schuf auch ästhetische Unmöglichkeiten. Eserhebt sich hier eine Fülle von praktisch wie theoretisch zu bearbeitenden Proble-men, weit über die Grenzen vorliegender Arbeit hinaus. — Begnadetes Geschlecht,
'JH. Schwab-Felisch, Der Begriff der Warenqualität in der Sozialökonomik(Freiburger Dissertation meines Seminars. Volkswirtsch. Abhandlungen der Bad. Hoch-schulen. N. F. H. 31). Karlsruhe , G. Braun 1915.
2 ) F. Wiehert, Die Mannheimer Bewegung ein kommunales Gestaltungsideal. (Zeit-schrift „März", 7. Jahrg. H. 39 v. 27. Sept. 1913. S. 442 ff.)
3 ) So v. Schulze-Gaevernitz schon auf dem evang.-sozialen Kongreß inStraßburg 1907 in dem Vortrag: „Die neudeutsche Wirtschaftspolitik im Dienste der neu-deutschen Kultur."
") Goluchowo, jetzt Golenhofen; Ansiedlungsdorf bei Posen. Vgl. u.a. v.Schulze-Gaevernitz, Ein Wort zur Ansiedlungsnovelle („Hilfe" Nr. 2 v. 12. Jan. 1908).