III Bankenaufbau. 159
Emissionsgeschäft mit dem Auslande anknüpft; unsere Banken als Emittentenausländischer Werte besorgen die laufenden Geschäfte ausländischer Regierungenund Unternehmungen. Solche Beziehungen erhalten sich unter Umständen durchJahrzehnte, wie z. B. das Verhältnis der Mendelssohns zu Rußland. Sie könnenmit der dauernden Ueberwachung, ja Leitung von Auslandsunternehmungenverknüpft sein und in diesem Falle Gewinne aller Art (Akzeptprovisionen usw.)einbringen. Andererseits ist aber auch im Falle solcher dauernden Verbindung dasinländische Bankinstitut an die ausländische Klientel gebunden und kann in Zeitenheimischer Kapitalknappheit den Kreditansprüchen des Auslandes sich nicht immerverweigern x ).
In ihren Auslandsanlagen haben unsere deutschen Kreditbanken mit der Kon-kurrenz der alten Gläubiger- und Kolonialstaaten zu rechnen, welche nicht nur dieeigenen Ersparnisse, sondern auch die dritter Länder in die Rohstoffgebiete derNeuen Welt zu leiten gewohnt sind. Agenten französischer und englischer Finan-zierungsgeschäfte — sogenannte „Remissiers" —• treiben an den deutschenBörsen ihr oft sehr fragwürdiges Wesen. Man sieht sie in vornehmeren Hotels undCafes der Großstädte die Kurse der exotischen Werte anheften, indem sie zugleichihre Ueberredungskünste spielen lassen. Ihre Zahl hat sich mit Erlaß des Börsen-gesetzes von 1896 stark vermehrt, als große Mengen deutschen Kapitals in das Aus-land gedrängt wurden 2 ). Sie beglücken insbesondere den unökonomischen Volksteil —vom Rentner herab bis zum Dienstmädchen. Damit entgehen unseren BankenMillionen an Emissionsgewinnen, Kommissionen und Spesen, nicht zuletzt aberauch die dauernde Bedienung und Leitung der mit deutschem Gelde im Auslandegeschaffenen Unternehmungen. Nach einer Schätzung der Frankfurter Zeitung verdient die Londoner Börse an Provisionen von Deutschland allein 18 % Millionen Mk.jährlich 3 ).
Nur schrittweise gelang es unseren Banken, diese ausländischen Mitbewerberauf die unsolideren Werte und die fragwürdigere Kundschaft zurückzudrängen.Zunächst haben unsere Banken in Konkurrenz mit den alten Gläubigerstaaten ihregrößere Kenntnis der geographisch benachbarten, geschäftlich vertrauten mittel-und osteuropäischen Welt benutzt. So hat z. B. die Diskontoge-sellschaft schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts deutsche Kapitalien dem öster-reichischen Staate und dessen Eisenbahnen zugeführt. Es folgten in den sechzigerund siebziger Jahren Ungarn, Schweden, die Schweiz (Gotthardbahn), Rumänien (Erbschaft Strousbergs 1) und nicht in letzter Linie Rußland. Auch an dem türkischenStaatsbankerott 1875 war die deutsche Bankwelt bereits beteiligt. Unsere Bankenmußten ein teures Lehrgeld bezahlen, als sie in den achtziger Jahren über diesenengeren Kreis hinaus sich in die südeuropäische und amerikanische Welt wagten.1886—1892 wurde gegen 1 Milliarde derartiger Emissionswerte „notleidend",später allerdings zum guten Teil durch den Aufschwung der Vereinigten Staaten und Argentiniens, sowie durch diplomatischen Eingriff in Venezuela gerettet.
Trotz einzelner schwerer Verluste sind die deutschen Banken wie das deutschePublikum bei dem Auslandsgeschäft privatwirtschaftlich nicht zu kurz gekommen,im Gegenteile haben sie durch Kurssteigerungen im Laufe der JahreHunderte von Millionen gewonnen; Mit Stolz auf ihren Emissionskredit blickend,weist in ihrem Bericht von 1911 die Deutsche Bank darauf hin, daß seit einer langenReihe von Jahren kein von ihr dem Inlande zugeführter Auslandswert notleidendgeworden sei, und die früher notleidend gewesenen Werte später mit erheblichemGewinn für den deutschen Erwerber in das Heimatland zurückverkauft wurden.Aber manche nordamerikanischen Bahnen? — Freilich, Anlagen wie die, welche
*) Geschäftsbericht der Dresdner Bank für 1911.