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England z. B. im Suezkanal auf Grund politischer Machtstellung vornahm — dieAktien wurden 1876 für 4 Millionen £ gekauft und sind heute 30 Millionen £ wert— sind Deutschland bisher versagt geblieben.
B. Volkswirtschaftliche Beurteilung der Auslandsanlage.
a) Voran steht die Einwirkung der auswärtigen Anlagen auf die Zahlungs-bilanz. Unsere Banken belasten, indem sie Effekten einführen, einmalig unsereZahlungsbilanz mit dem Kapitalbetrage, wogegen die darauffolgende Ausfuhr vonZins- und Dividendenscheinen die Zahlungsbilanz dauernd verbessert. Diese Ver-besserung überwiegt, wenn die Anlage volkswirtschaftlich vorteilhaft war, jeneBelastung. Andererseits bestehen rückläufige Einflüsse von der Zahlungsbilanzauf die Effekteneinfuhr: Eine passive Zahlungsbilanz erhöht die Wechselkurseund den Diskont und erschwert damit ausländische Emissionen; das Anlagekapitalwendet sich der hoch verzinslichen heimischen Anlage zu, bis wieder Warenausfuhroder Zinsforderungen die Zahlungsbilanz und die Wechselkurse verbessern und neueKapitalausfuhr ermöglichen x ). Dieser automatische Zusammenhang wird jedochoft genug von anderen Einflüssen durchbrochen: „Man kann den Schuldner nichtsitzen lassen".
Bei zunehmender Passivität unserer deutschen Handels bilanz ist dieVerbesserung der Zahlungsbilanz durch Zins- und Dividendenforderungen gegen-über dem Auslande für die Aufrechterhaltung unserer Währung, für die Beschäf-tigung und Ernährung unserer Bevölkerung durch Rohstoff- und Nahrungseinfuhrunentbehrlich. Je mehr dieser Posten der Zahlungsbilanz der Wareneinfuhr gegen-über in den Vordergrund tritt, um so mehr nimmt die Volkswirtschaft den Charakterdes Gläubigerstaates an. Frankreich und England sind uns auf solchemWege weit voran. Eine ziffernmäßige Schätzung der auswärtigen Kapitalanlagenergibt für England 70 Milliarden, für Frankreich 35 Milliarden (1910), dagegenfür Deutschland 1913 kaum 20 Milliarden Mk. 2 ).
Je mehr die überseeischen Neuländer in eine Monopolstellung der Rohstoff-erzeugung und damit in Grundrentnerstellung hineinwachsen, umso dringlicher wird die Gefahr der Auspowerung für Alteuropa durch steigende Roh-stoffpreise. Um so wichtiger wird es für die Aufrechterhaltung der Zahlungs-bilanz, durch auswärtige Kapitalanlagen an dieser Grundrentnerstellung der Schuldnerteilzunehmen. Es ist das aber keineswegs bei allen Arten auswärtiger Anlagender Fall, nicht z. B. bei festverzinslichen Anleihen der Staaten, dagegen wohl beiDividendenpapieren und buchmäßigen Bankkrediten, welche Anteilrechte an Berg-werken, Eisenbahnen, Plantagen, Landgesellschaften aller Art usw. verbriefen.Es kann auswärtige Anlagen geben, welche sogar die Grundrentnerstellung desAuslands noch stärken, so z. B. die Kaffee-Valorisationsanleihe des. Staates SaoPaolo, die der Hochhaltung des Kaffeepreises diente, und in ihrem Endergebnisdie deutsche Zahlungsbilanz verschlechtern mußte. Dagegen sind es vor allemEisenbahnanlagen, welche Beteiligung an neuländischen Grundrentenversprechen. So besitzt England 4 Milliarden Mk. argentinischer Eisenbahnwerte,dagegen nur 700 Millionen Mk. Staatsanleihe. Nach George P a i s h (1910) hates 7)4 Milliarden Mk. in Eisenbahnen und Bergwerken des lateinischen Amerika angelegt, dagegen kaum 1 Milliarde Mk. in Staatsanleihen. In manchen Fällen wirddurch die Anleihe zunächst nur eine Anwartschaft mit dem Bleistift auf der Land-karte erworben — so ein guter Teil der chinesischen Konzessionen — aber bei derbeschränkten Größe der Erdoberfläche ist solche Anwartschaft etwas wert, wenn
0 Fr. Bendixen, Geld und Kapital. Leipzig 1912. S. 160.
*) George Paish , The Statist. December 1910; ferner „Entwicklung der deutschenSeeinteressen", Marinerundschau 1905. K. Helfferich , Deutschlands Volkswohlstand1888—1913. 6. Aufl. Berlin , G. Stilke 1915. P. Rohrbach, Anteil an Weltwirtschaftund Welteinfluß. Marinerundschau. Juni 1914.