III
Bankenaufbau.
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Reichsbank dem Auslande zufließen soll. Hier aber droht die Verselbständigungdes Privatsatzes, welcher tatsächlich die internationale Edelmetallbewegung be-herrscht. So fiel z. B. im Januar 1912 der deutsche Privatdiskont vorübergehendunter den Londoner; englische Wechsel, die nunmehr vorteilhafte Geldanlage boten,strömten ein; es entstand die Gefahr des Goldabflusses, wogegen der um 2% höhereReichsbankdiskont nichts vermochte. Es besteht heute Uebereinstimmung dahin,daß die Reichsbank in solchen Fällen selber als Kreditnehmerin auf dem Geld-markte auftreten muß. Eine technische Frage ist es, auf welchem Wege dies ge-schehen soll: Rediskont von Wechseln, der — aus währungspolitischen Gründenerfolgend — das „Anstandsgefühl" der Reichsbank nicht zu verletzen braucht?Relombard von Effekten? Annahme verzinslicher Depositen? Alle diese Fragenfallen aus dem Rahmen vorüegender Arbeit heraus. Daneben erinnert die Reichs-bank die Großdiskonteure an ihre volkswirtschaftlichen Pflichten. Indem sie seitensderselben Rücksicht heischt, kann sie so um mehr darauf verzichten, ihnen durcheigenen Privatsatz Konkurrenz zu machen. Es besteht kein Zweifel, daß der guteWille der Bankwelt der Reichsbank tatkräftig zu Hilfe kommen kann, indem wenig-stens vorübergehend der Privatsatz weithin durch willkürliche Verabredung be-stimmt wird. Auch mahnt ein weitsichtig erfaßtes Eigeninteresse unsere Groß-banken, nicht allzu sehr vom Reichsbanksatz abzuweichen, schon um eine zu starkeInanspruchnahme ihres Akzepts zu vermeiden.
b) Neben der Metallpolitik der Zentrale steht die Liquidisierung unserer Volks-wirtschaft. Es ist bezeichnend für den deutschen Neumerkantilismus, daß auch hierdie Reichsbank den Anstoß gegeben hat, wobei sie weit über den Pflichtenkreisder Notenbank hinausging.
Angesichts der Größe der uns gesetzten Ziele wie der Schwere der uns bedro-henden Gefahren bedarf die deutsche Volkswirtschaft heute mehr denn je der be-wußten Ueberwachung und Leitung von einer verantwortlichen Stelle aus;es entspricht dies unserer ganzen Entwicklung, welche Organisation an Stelle derKonkurrenz setzt. Die Organisation kann hier in diesem innersten Kernpunkt derVolkswirtschaft keine rein privatwirtschaftliche sein, denn es handelt sich um volks-wirtschaftliche Interessen erster Ordnung. Die Organisation kann auch keine reinstaatliche sein wegen der verwickelten Großartigkeit der gestellten Aufgabe. DieReichsbank allein ist für eine solche Aufgabe zu schwach, steht auch vielleicht demWirtschaftsleben zu fern; sie kann, wie ihr ausgezeichneter Wortführer es ausdrückt,„der Mitwirkung der großen Banken nicht entbehren" J ). Es handelt sich um nichtsGeringeres als darum, die Kreditbänken zu gemeinsamer Kredit-politik unter Führung der Reichsbank zusammenzu-fassen : sogenanntes „gemischtes System", wobei es Personenfrage ist, aufwelcher Seite der Schwerpunkt liegt.
Es ist um so wichtiger, diesen Gedanken hier herauszuheben, als in praxi dieGroßzügigkeit des Zieles hinter den kleinen Mitteln und schrittweisen Erfolgen ver-schwindet und an Vorhandenes angeknüpft wurde. Berührungspunkte zwischenReichsbank und privater Bankwelt bestehen schon heute nicht wenige. Denkenwir an den Zentralausschuß der Reichsbank, welcher die deutschen Bankmächtevereinigt und nach Bankgesetz eine beratende, zum Teil sogar beschließende Stellungeinnimmt. Denken wir an die gemeinsame Goldprämienpolitik, zu welcher unsereBanken sich wiederholt mit der Reichsbank verständigten. Denken wir endlichan die Vereinbarungen über Bankbilanzen u. ä.
Noch kann die Reichsbank alles, wenn sie weiß, was sie will. Einem starkenpersönlichen Willen in ihr stehen von der freundschaftlichen Ermahnung an sanftereoder schärfere Druckmittel zur Verfügung, denen die private Bankwelt sich nicht zuentziehen vermag. KeineBank kann es auf Ablehnung ihrer Akzepte ankommen lassen.
*) v. Lumm, Bankarchiv v. 15. März 1912.