III
Bankenaufbau.
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Münchener Bankentage 1912 erstand ihnen in Helfferich ein gewichtiger Fürsprecher 1 ).Freilich waren auch gewisse privatwirtschaftliche Hindernisse nicht zu unterschätzen,die von den Praktikern in folgende Schlagworte gefaßt wurden: „Bauperioden sindniemals abgeschlossen." „Neue Kredite werden bewilligt, um alte zu retten." „Esist leichter, einen guten Schuldner los zu werden, als einen schlechten." Durch dasinzwischen zustande gekommene Konditionenkartell haben die Banken den Wegder Zinserhöhung und Provisionsverteuerung beschritten. Darüber hinaus wurdean Stelle von Ausdehnung und Ueberstürzung Abbau und innere Festigungdas Leitwort des Tages. Diese Losung wurde von den Mittelpunkten in dieProvinz weitergegeben; sie war im einzelnen Falle hart, wurde aber doch im ganzenwirksam befolgt, weil man über den Ernst des Willens und die Machtmittel, diehinter ihm standen, nicht im Zweifel sein konnte.
c) Aber die Reichsbank verlangte als Gegengabe für die kartellmäßige Ver-teuerung der Bankleistungen im volkswirtschaftlichen Interesse von den Bankenauch ein privatwirtschaftliches Opfer: Erhöhung der „Barreserve". Letztere be-deutet nicht Kasse, nicht Umlaufsmittel oder gar Edelmetallaufhäufung bei denBanken. Derartige „Kasse" könnte aus der Zentralbank auf dem Kreditwege heraus-gepumpt werden. Es hieße das, aus einer Tasche nehmen und in die andere stecken.Damit Avürde der nationale Vorrat an Edelmetall statt gesammelt, nur noch mehrverzettelt werden. Auch in unseren Bankbilanzen bedeutet ja „Kasse" nicht Edel-metall, wie z. B. bei den Provinzbanken die Sitte besteht, ihren hauptstädtischenVerbindungen einen Teil ihrer Edelmetallbestände weiterzugeben, die sie selbstdabei nach wie vor als „Kasse" aufführen 2 ).
Es handelt sich vielmehr um Vermehrung des Guthabens derKreditbanken bei der Reichsbank. Da ein erheblicher Teil derBankanlagen illiquid ist, und nach unserem .von heute auf morgen nicht zu än-dernden, im ganzen bewährten Kreditsystem auch illiquid sein muß, so sollwenigstens ein Bruchteil der jederzeit fälligen Verpflichtungen der Banken schlechthinliquid angelegt sein. Die Reichsbank ist es, welche sich vorbehält, diesen Bruchteil'im Sinne der volkswirtschaftlichen Liquidität zu verwalten und anzulegen. Siemachtesich damit Heiligenstadts 3 ) Vorschlag zu eigen, der inzwischen Gemein-gut der literarischen Kritik geworden war. Man denkt dabei an ein bestimmtesProzentverhältnis der jederzeit fälligen Verpflichtungen (Kreditoren-j-Depositen)zu den Reichsbankguthaben — ein Verhältnis, das rechnerisch ohne weiteres fest-zustellen ist. Diese Barreserve hat sich bei den deutschen Banken neuerdings nochverschlechtert. Die englischen Depositenbanken hatten Ende 1910 Kreditorenund Depositen mit 16% durch Kasse und Guthaben bei der Bank von England ge-deckt, wogegen die Berliner Großbanken Ende 1910: 7,7%, im Februar gar nur 3,7%Barreserve aufwiesen. Dieses Verhältnis ist für uns um so ungünstiger, als die „son-stigen Aktiva" der deutschen Kreditbanken verhältnismäßig illiquid oder auf ihreLiquidität schwer zu prüfen sind. Havenstein verlangte durch die NorddeutscheZeitung im Juni 1914 eine Barreserve von 10 %, die jedoch nur schrittweise im Laufevon 2 bis 3 Jahren aufgebracht und zuerst von den Großbanken, sodann von denProvinzbanken erreicht werden sollte. Für die Berliner Großbanken würde dieForderung eine knappe Verdoppelung ihrer bisherigen Barreserven bedeutet haben.Technisch gedacht, ist diese „Barreserve" nicht ein eiserner Bestand, sondern einDurchschnittsguthaben, das in ein bestimmtes Verhältnis zu den „fremden Geldern"der jeweils letztjährigen Bilanz gebracht werden soll. Es steht den Banken
!) K- Helfferich , Vortrag auf dem IV. Bankiertage über die zeitweise übermäßigeInanspruchnahme der Reichsbank (Verhandl. des IV. Allgemeinen deutschen Bankiertageszu München. Berlin 1912). S. 70, 118.
2 ) A. Lansburgh, Das deutsche Bankwesen. Berlin 1909. S. 36/37.
3 ) Heiligen Stadt, Der deutsche Geldmarkt (Schmollers. Jahrb. Bd. 31. H. 4.S. 71—105; teilweise revidiert in Bankenquete VI. S. 165/166).